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Kommentar: Babcock-Borsig - Tödlicher Dolchstoß

"Nach langer, schwerer Krankheit starb er überraschend an einem heimtückischen Anschlag" - so könnte der Text der Todesanzeige für den traditionsreichen Ruhrkonzern Babcock-Borsig AG lauten.

DÜSSELDORF. Noch ringt der Patient ums Überleben, nachdem ihm sein eigener Vorstandschef einen heimtückischen Dolchstoß verpasst hat. Doch bei den verzweifelten Rettungsversuchen geht es letztlich nur darum, ob der 1891 gegründete Maschinenbau-Konzern gleich in die Insolvenz geht und zerlegt wird oder ob er noch einmal in eigener Regie versuchen darf, sich gesundzuschrumpfen.

Der Niedergang der Babcock-Borsig AG war schon 1997 in vollem Gange gewesen, als Klaus Lederer den Chefposten übernahm. Er fand ein Konglomerat aus fast 300 Gesellschaften mit rund 4,5 Milliarden Euro Umsatz vor. Lederer räumte radikal auf, verkaufte Beteiligungen und warf Manager gleich dutzendweise raus. Doch fünf Jahre später stand der Ruhr-Riese kaum besser da: Der Börsenkurs war auf weniger als die Hälfte gefallen, und noch immer schrieb das Unternehmen rote Zahlen.

Bei der Sanierung gescheitert, suchte Lederer im März nun wenigstens seinen persönlichen Vorteil: Er verkaufte die Perle des Konzerns, die Beteiligung an der Kieler Werft HDW, praktisch an sich selbst. Die Mehrheit des technisch führenden Herstellers von Korvetten und U-Booten ging an den befreundeten US-Finanzinvestor OEP; Lederer ging gleich mit und ist nun HDW-Chef. Babcock treibt seither führungslos dahin. Den berechtigten Protest der Babcock-Aktionäre konterte Lederer damals mit dem Hinweis, Babcock habe nicht das Geld gehabt, wie angekündigt die Mehrheit an HDW zu erwerben. Mit dem Verkauf der Tochter gewinne der Konzern die Mittel, um "das traditionelle Kerngeschäftsfeld Energietechnik weiter zu stabilisieren".

Eine glatte Lüge, wie sich jetzt zeigt. Da Lederer als Babcock-Chef offenbar in die HDW-Kasse gegriffen hatte, muss der Mutterkonzern nun mit dem Verkaufserlös Schulden bei seiner ehemaligen Tochter begleichen. Die Folge: Von dem Kaufpreis von 350 Millionen Euro bleibt fast nichts für die Sanierung des Konzerns übrig. Schlimmer noch: Gleichzeitig wird jetzt bekannt, dass der Verlust im laufenden Geschäftsjahr mit einer halben Milliarde Euro weit höher ausfällt als vorausgesagt. Mit anderen Worten: Lederer hat die Aktionäre darüber getäuscht, dass Babcock nach dem HDW-Verkauf nicht mehr überlebensfähig ist.

Damit hat er nun wirklich alle an der Nase herumgeführt: die Kartellwächter in Berlin und Brüssel, die nicht erkannten, dass der Finanzinvestor OEP enge Verbindungen zur US-Rüstungsindustrie hat, die Bundesregierung, die viel zu spät den drohenden Technologietransfer bemerkte, und eben die Babcock-Aktionäre.

Der HDW-Skandal führt auf erschreckende Weise vor, wie ein Vorstandschef planmäßig einen Konzern mit 27 000 Beschäftigten ausschlachten kann, ohne dass ihm der Aufsichtsrat in den Arm fällt. Entweder haben die Vertreter der Aktionäre und Arbeitnehmer tief und fest geschlafen, oder sie decken Lederers skandalöses Vorgehen. Es ist nur schwer vorstellbar, dass ein so erfahrener Aufsichtsratsvorsitzender wie der ehemalige WestLB-Chef Friedel Neuber nicht durchschaut haben soll, welches Spiel Lederer treibt. Wenn er aber wusste, in welche Lage der Babcock-Konzern gebracht wird, hat er sich mitschuldig gemacht.

Von der Opferbereitschaft der Arbeitnehmer und der Banken hängt es nun ab, ob Babcock-Borsig noch einen neuen Sanierungsanlauf machen kann. Für eine Lektion ist der Fall schon jetzt gut: Wenn ein Vorstandschef so mit dem ihm anvertrauten Unternehmen umspringen darf, dann ist im System der Unternehmensführung etwas faul.

Quelle: Handelsblatt

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