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Kommentar: Beliebte Irrtümer

Die Zeit der schnellen Gewinne, in der man leichtsinnigerweise bereits von den Deutschen als einem Volk von aufgeklärten Aktionären sprach, ist vorbei. Nicht nur bei jenen, die sich jetzt enttäuscht von der Börse zurückziehen, herrschen jedoch häufig völlig falsche Vorstellungen über grundlegende Zusammenhänge vor.

Wenn ein Aktienportfolio langfristig "nur" 11 % Rendite im Jahresdurchschnitt erwarten lässt, während eine sichere Rentenanlage in den letzten Jahrzehnten immerhin auch 7,5 % geboten hat, lohnten die 3,5 %-Punkte Unterschied angeblich den Stress der Aktienanlage nicht. Wer so argumentiert, kennt die Geheimnisse der Zinseszinsrechnung nicht. Denn bei diesen tatsächlichen historischen Durchschnittsrenditen hat der Aktionär nach 10 Jahren brutto fast 40 % mehr, nach 20 Jahren 90 % mehr und nach 30 Jahren über 260 % mehr aus dem gleichen Startvermögen erwirtschaftet. Bedenkt man ferner, dass die Erträge einer Aktienanlage zum Großteil steuerfrei vereinnahmt werden können, ist diese in Wahrheit noch wesentlich attraktiver. Der Stress lohnt sich also, zumal die Zinsen inzwischen deutlich niedriger sind und der Renditeabstand daher noch größer werden dürfte.

Populär ist auch der Vorwurf, das Börsengeschehen habe mit der realen Wirtschaft überhaupt nichts mehr zu tun. Die Börse sei nichts anderes als ein Spielkasino. Eingestanden sei, dass derjenige, der jede Tagesschwankung auf einer fundamentalen Basis rational erklären will, scheitern muss. Dass aber letztlich die Gewinnentwicklung der Unternehmen die Kurse bestimmt, gilt nach wie vor. Vergleicht man etwa Dax- und Gewinnmomentum, also die prozentuale Veränderung dieser beiden Größen gegenüber dem Vorjahr, kann man den engen Gleichlauf über Jahrzehnte verfolgen. Aktuell scheint das negative Gewinnmomentum einen Boden gefunden zu haben, von dem aus es binnen Jahresfrist wieder deutlich nach oben gehen dürfte. Da jeder klüger und schneller sein will als der andere, läuft die Börse bekanntlich voraus. Aber das ist nichts Neues.

Ein meist zur Unzeit zu Gunsten der Aktie vorgebrachtes Vorurteil lautet, Aktien schützten als Sachwertanlage vor Inflation. Diese Schutzfunktion haben Aktien in der Tat ausgeübt in Zeiten der Hyperinflation und bei Währungsschnitten. Sie verkehrt sich aber völlig ins Gegenteil in normalen Zeiten. Neben Gewinnwarnungen fürchtet die Börse nichts mehr als steigende Inflationsraten. Denn die Folge wären steigende Zinsen, und die sind Gift für die Aktien. Zeiten rückläufiger Inflationsraten waren in der Vergangenheit immer gute Börsenphasen - und umgekehrt. Nur in der TMT-Jubelhausse bis März 2000 glaubten wir dagegen verstoßen zu können und mussten es anschließend bitter büßen.

Peter Merk ist Chefvolkswirt der Landesbank Baden-Württemberg

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