Kommentar: Blaues Auge

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Kommentar: Blaues Auge

Die Commerzbank ist im vergangenen Jahr mit einem blauen Auge davon gekommen. Beim Ergebnis vor Steuern nutzte das Institut bilanztechnische Spielräume aus und konnte gerade noch einen Minigewinn erzielen. Zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Doch das Jahr 2001 ist bereits abgehakt. Entscheidend für Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller wird es hingegen sein, wie das gelbe Institut im laufenden Jahr abschneidet. Die Commerzbank muss herausgeputzt werden, um zu einem möglichen Kandidaten für eine Übernahme zu werden. Allein kann sie auf Dauer nicht überleben. Das steht fest.

Bislang haben sich die Investmentbanker jedenfalls erfolglos bemüht, einen Käufer zu finden. Alle haben sie lange Präsentationen über den Investmentfall Commerzbank geschrieben. Umsonst. In unsicheren Zeiten wollte bislang keine Bank zugreifen. Sie müssen alle genug tun, um ihre eigenen Häuser in Ordnung zu bringen.

Zunächst also freie Bahn für Müller. Doch die Aufräumarbeiten sind schwierig. Das beginnt im Vorstand. Hier hat Müller zwei Stützen, doch diese sind Auslaufmodelle. Klaus Müller-Gebel wird in diesem Jahr 65 Jahre alt und über Axel Freiherr von Ruedorfer heißt es immer wieder, er wolle in den Aufsichtsrat wechseln und sei gesundheitlich angeschlagen. Daneben wird der Vorstandschef von außen dazu gedrängt, sich vom Asset Management zu verabschieden und das Investment-Banking auf ein Minimum zu reduzieren. Als ob das nicht genug wäre, kommt jetzt mit dem neuen Großaktionär Münchener Rück ein neuer Spieler hinzu, der bei allen wichtigen Entscheidungen ein Wort mitsprechen will.

Der Versicherer präsentierte sich vor kurzem als größter Anteilsbesitzer der Frankfurter Bank und spielte dabei natürlich mit einem Hintergedanken. Es sollte allen künftigen Interessenten klar gemacht werden: Ohne uns geht bei der Commerzbank nichts. Und dass dies mit dem anderen Großaktionär, der italienischen Generali, abgestimmt wurde, davon ist getrost auszugehen. Schließlich handelt es sich um einen wichtigen Kunden im Rückversicherungsgeschäft, den die Münchener sich nicht verprellen wollen. Es wäre allerdings verfehlt, jetzt schon Sandkastenspiele über ein Zusammengehen von Ergo als Erstversicherungs-Tochter der Münchener Rück und der Generali anstellen zu wollen.

Viel wahrscheinlicher ist hingegen eine Kauf der Commerzbank durch die Hypo-Vereinsbank(HVB). Doch auch das wird nicht heute oder morgen der Fall sein, sondern kann nur mittelfristig heranreifen. Denn für die HVB kommt nur eine Übernahme in Frage, keine Fusion unter Gleichen. Da der Vorstand aber derzeit genug zu tun hat, den eigenen Konzern auf Vordermann zu bringen, ist sie zu schwach, um eine Commerzbank zu schultern. Allerdings ist das Verhältnis zwischen den Chefs von HVB und Müchener Rück, Albrecht Schmidt und Hans-Jürgen Schinzler, so gut, dass der Versicherer für die Bank agiert. Scheitern die Pläne kann Schinzler im schlechtesten Fall das Aktienpaket an der Commerzbank zu einem späteren Zeitpunkt wieder mit Gewinn verkaufen. Jeder Schritt der HVB muss deshalb mit Argusaugen beobachtet werden. Wenn es etwa im Transaction-Banking zu einer Kooperation mit der Commerzbank kommt, dann ist dies ein klares Signal für eine spätere Übernahme. Ohnehin bestünden bei einer Partnerschaft in Deutschland die besten Chancen, Kosten zu senken. Und daran arbeiten derzeit alle Institute.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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