Kommentar
Bundeswehr nach Afghanistan

War die heutige Vertrauensabstimmung im Bundestag nur eine Farce, weil deutsche Soldaten nach den schnellen Erfolgen der Amerikaner in Afghanistan gar nicht mehr gebraucht werden? Die überraschende Antwort: Wahrscheinlich muss die Bundeswehr gerade deshalb ran.

In der ersten Phase des Anti-Terror-Kriegs in Afghanistan konnten die Amerikaner, von einigen logistischen Hand- und Spanndiensten abgesehen, sehr gut ohne ihre Nato-Verbündeten auskommen. Selbst die Beteiligung der Briten an den Bombenangriffen war weniger militärisch notwendig, als politisch gewünscht. Mit dem Erfolg der amerikanischen Bombardements, dem schnellen Vorrücken der Nordallianz und der Flucht der Taliban in die Berge hat sich die Lage jedoch dramatisch verändert. Die Amerikaner sind jetzt mehr auf die Hilfe ihrer Alliierten angewiesen als vorher. Sie selbst werden sich in den nächsten Wochen vor allem auf drei militärische Aufgaben konzentrieren: Die letzten Widerstandsnester der Taliban in den Ebenen auszuräuchern, Überraschungsangriffe aus den Bergen zu verhindern und den Ring um Osama bin Laden mit Spezialeinheiten noch enger zu ziehen. Damit haben sie eigentlich alle Hände voll zu tun.

Weitere Militärkräfte werden jetzt aber für die klassischen "Peacekeeping Operations" gebraucht: Sie müssen verhindern, dass es in Kabul und Kandahar zu neuen Kämpfen zwischen den äußerst heterogenen Bestandteilen der Nordallianz oder mit lokalen paschtunischen Kriegsherren kommt. Sie müssen die dringend notwendige Versorgung der Bevölkerung mit humanitären Hilfsgütern absichern. Und sie müssen vor allem die zivilen und militärischen Nachschubwege sichern. Und das in einem Gebiet, das mit einem Schlag beinahe zehnmal so groß geworden ist wie am Anfang des amerikanischen Feldzugs, als die Nordallianz weniger als zehn Prozent der Fläche Afghanistans kontrollierte.

Schon der preußische Militärphilosoph Carl von Clausewitz wusste: Je länger die Versorgungswege einer Armee sind, um so größer die Gefahr durch Kommandoaktionen gegnerischer Gruppen. Die Taliban werden nach einigen Tagen der Umgruppierung sicherlich versuchen, spektakuläre Einzelschläge gegen die Nordallianz zu führen, die in ihrem Siegestaumel der letzten Tage viele Vorsichtsmaßnahmen fallen gelassen hat. Bisher haben es die Amerikaner vermieden, ihre Einheiten von den Grenzen Afghanistans aus einzusetzen. Das wird sich jetzt nicht mehr durchhalten lassen. Deshalb brauchen sie mehr Kräfte, um die eigenen Basen vor Terroranschlägen zu schützen.

Deshalb schlägt jetzt die Stunde der Verbündeten: Sie werden tatsächlich gebraucht. Die ersten britischen Vorauskommandos landeten bereits auf dem Bagram-Militärflughafen nördlich von Kabul. Französische Einheiten werden folgen, die Türken stehen ebenfalls bereit. Wer bei der Abstimmung im Deutschen Bundestag gehofft haben sollte, das Problem des deutschen Militäreinsatzes würde schon von allein obsolet werden, könnte sich bitter getäuscht haben.

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