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Kommentar: Da capo

Sollte Edmund Stoiber etwa einen Salto Mortale schlagen? Konnten wir von Gerhard Schröder einen dreifachen Rittberger erwarten? Hatte irgend jemand ernsthaft etwas neues erwartet? Wer sich nach dem Fernsehduell über Langeweile und lahme Antworten erregt, macht es sich entschieden zu leicht. Die Fernsehsender haben Kanzler und Kandidat in eine Format gezwängt, aus dem es kein rhetorisches Entrinnen gibt. Aber das war eigentlich auch gar nicht so schlecht: Endlich erlebten wir mal kein wüstes Brüllchaos wie sonst bei "Christiansen" und kein zwischenmenschelndes Moralin wie bei "Maischberger". Schröder und Stoiber ließen sich gegenseitig ausreden und brachten ihre politischen Argumente an. 75 Minuten lang, zu bester Sendezeit, auf zwei Privatsendern, die bislang nicht gerade durch ihren besonderen Hang zur politischen Bildung aufgefallen sind: Es gab schon Schlimmeres im deutschen Fernsehen.

Natürlich schlägt nach dem Fernsehduell jetzt die Stunde der Medienkritiker und Berufsnörgler, der Kulturpessimisten und Politpädagogen. Die Grünen befürchten eine "gefährliche Amerikanisierung" des treudeutschen Wahlkampfs. Die PDS sieht in der "Selbstszenierung der Medien" eine "Gefahr für die Demokratie". Und linke Professoren ziehen nun ihrerseits durch die Programme, um mit Leichenbittermiene über die Verflachung der "politischen Kultur" zu philosophieren. Alles Quatsch mit Sauce! 15 Millionen Bundesbürger haben das erste Fernsehduell an den Bildschirmen verfolgt. Keine Sendung hat in diesem Wahlkampf bisher mehr für die demokratische Aufklärung des mündigen Bürgers getan als der durchamerikanisierte Kanzler-Showdown am Sonntagabend. Natürlich kann man sich wahlpädagogisch wertvollere Sendungen vorstellen - nur leider will sie meist niemand sehen.

Politik ist, frei nach Max Weber, mit dem langsamen Bohren dicker Bretter zu vergleichen. Sie ist in den meisten Fällen weder besonders spannend noch besonders sexy, mit anderen Worten: Für das Fernsehen gänzlich ungeeignet. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu, gegenwärtig der Lieblingsphilosoph der europäischen Linken, schlägt das ganze Medium deshalb den bösen Kräften des Kapitalismus zu: ein Herrschaftsinstrument par excellence, geeignet eigentlich nur zur Volksverdummung. Sendungen wie das Kanzlerduell zeigen jedoch in Wahrheit, dass man Politik im Wahlkampf durchaus in angemessener Form als "Event" rüberbringen kann. Wieso eigentlich nicht?

Und noch etwas hat die Premiere dieses amerikanischen Formats im deutschen Fernsehen gezeigt: Der Sieger des Duells stand keineswegs bereits vorher fest, wie die Anhänger des Medienstars Schröder gehofft und seine Gegner heimlich gefürchtet hatten. Stoiber schlug sich nicht nur redlich, wie selbst führende Sozialdemokraten einräumen mußten. Der CDU/CSU-Kandidat diskutierte angriffslustiger und vor allem inhaltlich besser vorbereitet als der Kanzler. So gab es in der Sendung also eine Überraschung doch - was man von den meisten Unterhaltungssendungen und Magazinen im Fernsehen nicht behaupten kann. Mit einem Wort: da capo.

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