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Kommentar: Das Sterntaler-Märchen

Es war einmal ein Mann, der wollte Aktionäre glücklich machen. Das brachte ihm viel Kritik, aber auch Lob ein. Der Mann war von zupackender Wesensart, und das Unternehmen, das er ohne falsche Rücksicht eroberte, ein großer Apparat mit vielen Schalthebeln und einem Mann an der Spitze, der damit kokettierte, in die Politik zu gehen, wenn die ihn nur endlich riefe. So saß der Mann auf seinem Schuldenberg, philosophierte und lamentierte, und die Börse grollte.
Dann kam es zur Palastrevolution. Zu groß, zu unbeweglich sei der Gigant mit dem Stern, befand der neue Mann, und stutzte dem Unternehmen nicht nur die Flügel, auf denen er zuvor durchaus bequem gesessen hatte. Die Börse fand Gefallen an dem Mann, doch das ist viele Jahre her.

Nur die Archive und Zettelkästen wissen heute noch, dass Jürgen Schrempp Deutschland einst mit dem Begriff Shareholder Value vertraut gemacht hat. Die als erste "Welt-AG" vermarktete Ehe mit dem amerikanischen Unternehmen Chrysler ist zwei Jahre nach der Übernahme, pardon, dem Zusammenschluss, zerrüttet, von Sterntaler-Poesie keine Spur.

Fast von Beginn an hatten US-Medien sich darüber mokiert, mit welch urdeutscher Gründlichkeit die Schwaben ihre eigene Amerikanisierung betrieben hatten, ohne tatsächlich Zugang zur Lebenswirklichkeit in Auburn Hill zu finden. Auch der gute Draht zur Börse kam den Managern irgendwo zwischen Elchtest und Englisch-Sprachkurs abhanden.

Die Anleger verstehen das Unternehmen weder hierzulande noch in den USA. Aber eines sehen sie deutlich: Wenn Schrempp seine eigenen Worte vom Shareholder-Value Ernst nähme, er könnte nicht mehr ruhig schlafen. Schließlich müsste er damit rechnen, dass irgendwo am Rande seines Imperiums ein Revolutionär darauf lauern könnte, die Macht an sich zu reißen. Zur Begründung könnten zwei Worte ausreichen: Shareholder Value.

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