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Kommentar: Der Börse ein Schnippchen schlagen

Amerikanische Aktien sind überbewertet, und die Kurse werden sich halbieren" hieß es im September 2001. "Dax und Nemax haben Potenzial für 10 000 Punkte" war das Motto im März 2000.

Was folgte, wissen leidgeprüfte Anleger: Die Kurse verdoppelten sich, doch vorher halbierten und zehntelten sie sich. Fährt der Anleger demnach besser, wenn er immer im Gegensatz zu Analysten und Medien handelt? So einfach ist es nicht. Doch ein Blick in die Vergangenheit hilft, häufige Irrtümer an der Börse zu entlarven.

Börsen fallen in der Rezession.

Tatsächlich erreichen die großen Indizes stets vier bis acht Monate vor Beginn der neuen Wirtschaftsbelebung ihren Tiefststand. Demnach springt in den USA die Wirtschaft zwischen Januar und April 2002 wieder an - vorausgesetzt die Kurse haben am 21. September ihre tiefsten Stand erreicht. Neben den Frühindikatoren weisen inzwischen auch handfeste Daten wie das Bruttoinlandsprodukt wieder mal auf ein exaktes Timing der Börse hin. Diese ist der beste und früheste Frühindikator.

Steigende Kurse bei geringen Umsätzen sind schlecht.

Die Argumentation lautet, dass nur wenige Anleger die Rally tragen. Doch besonders wenn die Börsen kräftig gefallen sind, kündigen niedrige Umsätze bei höheren Kursnotierungen - wie Ende September 2001 - eine Wende zum Besseren an. Denn dann ist kaum jemand bereit, seine Papiere herzugeben. Die niedrigen Umsätze zeigen, wie vorsichtig und überlegt ge- und verkauft wird. Die große Masse bleibt der Börse fern. Die Aktien liegen in den Tresoren der festen Hände, kommentierte Börsenaltmeister Andre Kostolany diese Situation treffend. Auch das negative Urteil bei einer Kombination aus hohen Umsätzen und fallenden Kursen ist falsch. Denn tatsächlich finden in so einer Konstellation wie im September 2001 endlich alle Verkaufswilligen einen Käufer. Zehn Tage nach den Terroranschlägen stiegen die Umsätze rasant, und die Indizes fielen auf das tiefste Niveau. Umgekehrt kündigen beständig hohe Umsätze bei steigenden Kursen Ungemach an. Das zeigte der Winter 1999/2000. Ob New York, London oder Frankfurt - Parketthändler und elektronische Systeme kamen den Aufträgen kaum nach. Dem immer größeren Interesse an Aktien stand ein ebenso hoher Verkaufsdruck gegenüber. Die Aktien wechselten in die Hände derjenigen, die an Stammtischen, in Fitness-Studios und in U-Bahnen heißen Tipps hinterherjagten. Wenn an diesen Orten Aktien Gesprächsthema Nummer eins sind, ist der Crash nicht mehr weit entfernt. Denn für die Profis ist so eine Entwicklung das Signal zum Rückzug. Das zeigte schon die "Dienstmädchenhausse" - eine Anlehnung an den Crash 1929, als selbst das Hauspersonal nach Aktientipps fragte und Großinvestoren diese hohe Nachfrage zum Ausstieg nutzten.

Kaufempfehlungen entwickeln sich besser als Verkaufsempfehlungen.

Statistiken belegen, dass Aktien, die von vielen Banken angepriesen werden, auf Sicht von sechs bis neun Monaten schlechter laufen als Werte, die "nur" zu 50 bis 75 Prozent zum Kauf empfohlen werden. Der T-Aktienkurs stieg von 20 auf 104 Euro, als viele Investmentstrategen den angeblich trägen Ex-Staatsmonopolisten kritisierten. Der Kurs fiel aber auf 20 Euro zurück, als nur noch weniger als fünf Prozent der Analystenhäuser zum Verkauf rieten. Der Grund für die häufig gegenläufige Entwicklung ist weniger, dass Banken mit Hilfe der Kaufempfehlungen ihre eigenen Aktien versilbern wollen. Vielmehr haben all jene Titel, die Gesprächsthema Nummer eins sind, längst das Interesse der Großinvestoren gefunden und deshalb allenfalls noch begrenztes Kurspotenzial. Ebenso wie die Börse vor dem Wirtschaftsaufschwung steigt, legen die Kurse vor den Kaufempfehlungen zu. Denn diese resultieren aus der guten Performance.

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