Kommentar
Der chinesische Vorhang

Die Olympischen Spiele in Peking haben vieles geboten, nur keine Authentizität. Die Inszenierung begann schon lange vor der Eröffnungsfeier mit ihren Playback-Gesängen und falschen Tibetern. Die Gigantomanie der Spiele hat im Reich der Mitte einen perfekten Alliierten gefunden.

PEKING. Fontänen sprudeln auf dem Platz vor dem Nationalstadion, das Wasser tanzt im Rhythmus des Walzers aus den Lautsprechern, und mit ihm tanzen die Menschen. Sie haben Staffelrennen gesehen, Speerwerfen und Hochsprung, es waren spannende, stimmungsvolle Wettbewerbe. Jetzt sind sie hinaus getreten in die letzte olympische Nacht, hinter ihnen das Vogelnest, leuchtend rot, vor ihnen die Schwimmhalle, türkisblau. Die Frauen fotografieren ihre Männer, die Männer fotografieren ihre Frauen. In den Fontänen plantschen ihre Kinder. Es ist eine wundervolle Atmosphäre, so friedlich wie in einer lauen, süditalienischen Nacht. Sie zeigt, was diese Olympischen Spiele hätten sein können.

Aber nach einer halben Stunde sind die Lautsprecher stumm und die Fontänen erloschen. Es gibt keinen Grund mehr zu Verweilen, keine Bar, kein Eisstand, nicht einmal eine Parkbank. Die Menschen gehen nach Hause. Zurück bleibt Beton.

Eine Stimmung wachsen zu lassen war nie vorgesehen bei dieser Veranstaltung, die von Termin zu Termin hetzte, von Medaille zu Medaille - und die in einem Land stattfand, deren Machthaber Angst vor der Spontaneität haben und vor der Freiheit. Jetzt sind die Spiele vorüber, man könnte sagen: der Vorhang ist gefallen. Aber dazu müsste er vorher ja gelüftet worden sein und den Blick freigesetzt haben auf irgendetwas Authentisches. Und was immer man von diesen Spielen sonst halten mag: das ist nicht wirklich passiert.

Die Inszenierung begann schon lange vor der Eröffnungsfeier mit ihren Playback-Gesängen und falschen Tibetern. Peking wurde von Millionen Menschen geräumt, Wanderarbeitern zumeist. Die Fabriken wurden abgeschaltet, der Verkehr eingedämmt, die Bewohner von der Regierung gebrieft, was sie auf Fragen ausländischer Journalisten zu antworten hätten. Frage: Was halten Sie von der Anweisung, dass Chinesen aus anderen Landesteilen während der Olympischen Spiele nicht nach Peking reisen dürfen? Antwort: Ich kenne diese Norm nicht. Mich betrifft sie nicht.

Kenne ich nicht, weiß ich nicht, dazu kann ich nichts sagen: diesen Diskurs pflegte auch Wang Wei, Generalsekretär des Organisationskomitees Bocog, bei den regelmäßigen Pressekonferenzen. Seine Auftritte gehörten zu den spukigsten Momenten dieser Spiele. Frage: Was passiert mit den Bürgern, die Demonstrationen in den Protestzonen angemeldet haben? Wang: "Vielen Dank für Ihre Frage. Ich kann Ihnen zu diesem Thema keine neuen Informationen geben." Die ehrliche Antwort wäre gewesen, dass Fälle bekannt sind, in denen die Protestwilligen in Umerziehungslager verschleppt werden. Betroffen sind unter anderem zwei Frauen im Alter von 77 und 79. Ihre Häuser mussten für Olympia weichen, dagegen wollten sie aufstehen.

Die Welt hat lange gedacht, es ginge vor allem um sie bei diesen Spielen. Tatsächlich ging es dem Regime mindestens genauso um die Sicherung seiner Herrschaft im Inneren. Dank Olympia und den Protestzonen haben die Machthaber nun einen hervorragenden Überblick über die Opposition. Diese wird ihr Vertrauen auf Schutz durch das IOC wohl teuer bezahlen.

Mit Wang auf dem Podium saß dieser Tage immer Giselle Davies, die Sprecherin des Internationalen Olympischen Komitees, eine aparte Frau, der man nur wünschen kann, dass sie angemessenes Schmerzensgeld erhält für den Job, den sie da machen muss. "Wir hätten uns gewünscht, dass die Protestzonen tatsächlich genutzt werden" - das war der größte Anflug von Kritik, den sich Davies erlaubte. Ansonsten galt die Order: totschweigen, aussitzen. Dass schon die Idee, für Proteste bestimmte Zonen einzurichten, freiheitsfeindlich ist, sagte keiner. Wie überhaupt außer Davies vom IOC wochenlang niemand etwas sagte.

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