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Kommentar: Der Euro kommt, der Stillstand bleibt

Die D-Mark hat ausgedient, der Euro ist da. Rund zehn Milliarden Banknoten des neuen Geldes sind über den Jahreswechsel in Umlauf gebracht worden. Europa hat sein erstes wirklich identitätsstiftendes Wahrzeichen.

DÜSSELDORF. Zum ersten Mal seit der Zeit des Römischen Reiches verfügen 300 Millionen Menschen in Europa über eine gemeinsame Währung. Und die Mehrheit der Deutschen begleitet das Unterfangen mit hoher Skepsis. Für uns Deutsche ist die Geldbörse halb leer anstatt halb voll. Wieder einmal prägt pessimistisch-furchtsames Festhalten an Althergebrachtem unser Denken und Handeln - nicht mutvoll zupackendes Schreiten in die Zukunft. Deutschland eine Stillstandsgesellschaft?

Wer sich Deutschland zum ersten Mal nähert, dem fallen die Starrheit dieser Gesellschaft, der weit verbreitete Zukunftspessimismus, die augenfällige Abwesenheit der in der angelsächsischen Welt so üblichen Can-do-Attitüde besonders prägnant auf. Wettbewerb und Globalisierung werden hier allgemein als Bedrohung empfunden und nicht als die Chance, neue Opportunitäten für das eigene Fortkommen zu nutzen. Wir scheuen das Risiko, wir suchen nicht neue Chancen und Herausforderungen. Diese Haltung glauben wir uns leisten zu können, weil sich die Bürger in ihrer ganz überwiegenden Mehrheit hier zu Lande vorgaukeln, der Staat werde die Entscheidungen an den wichtigen Weggabelungen des Lebens schon in ihrem Sinne regeln und auskömmlich für sie sorgen. Die Deutschen haben sich für den Ammenstaat entschieden. Dieses Votum hat tief greifende Konsequenzen. Es schränkt die Freiheit des Einzelnen ein, behindert wirtschaftliche Entscheidungen des Individuums und der Unternehmen, es setzt dem Wachstumspotenzial dieser Volkswirtschaft enge Grenzen, es verhindert Dynamik und damit schlussendlich eine prosperierende Zukunft.

So gehört es zu den seltsamen Widersprüchen dieses Landes, dass die heutige Regierung ihr Amt mit dem Versprechen angetreten hat, mehr Arbeitsplätze zu schaffen und zugleich die Arbeitsplatzbesitzer besser zu schützen gegen die kalten Winde des globalen Wettbewerbs. Die offensichtliche Unvereinbarkeit beider Ziele fiel nur wenigen auf, vor allem aber nicht der Klientel der Arbeitsplatzbesitzer, die mittels restriktiverer Arbeitsmarktgesetze besonders beschützt werden sollten. Das Ergebnis: Mehr und mehr Menschen werden arbeitslos. Und: Gerade die Gesetze, die Arbeitnehmer besonders schützen sollten, haben dazu geführt, dass es für Arbeitslose schwerer geworden ist, einen Job zu finden - weil in diesem rigide regulierten Arbeitsmarkt neue Jobs im Zweifelsfalle eben nicht entstehen. Die, die hier so besonders geschützt werden sollten, können sich nun zu Recht als die Opfer dieser Politik fühlen. Nur: Genau dies passiert nicht.

Der Aufstand gegen den erdrückenden Ammenstaat bleibt aus - nicht nur am Arbeitsmarkt, sondern auch in der Steuerpolitik und gegen die Überregulierung jedes Bereiches unseres täglichen Lebens. Nur eine Gesellschaft ohne Zukunftsperspektive will die Gegenwart, will das Gewohnte nicht loslassen. Nur: Wer nicht loslässt, der kann auch keine neuen Ufer erreichen. Will Deutschland sich so sehen? Vielmehr: Kann es sich diese Haltung leisten? Der neue Euro in unseren Geldbörsen legt die Antwort nahe: Der Druck des Wettbewerbs wird steigen. Andere nutzen die Opportunitäten des Euros, wenn wir es nicht tun. Deutschland muss das Loslassen üben, wenn es seine Zukunft gestalten will.

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