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Kommentar: Der Konflikt um Kaschmir

Indien und Pakistan befleißigen sich zur Zeit einer höchst martialischen Tonart. Nach zwei Anschlägen innerhalb von weniger als zwei Monaten, hinter denen Delhi von Pakistan unterstützte kaschmirische Rebellen vermuten, kann kaum mehr von einem verbalen Schlagabtausch gesprochen werden, der die Beziehungen der beiden feindseligen Nachbarn bislang gewöhnlich dominierte.

Indien und Pakistan befleißigen sich zur Zeit einer höchst martialischen Tonart. Nach zwei Anschlägen innerhalb von weniger als zwei Monaten, hinter denen Delhi von Pakistan unterstützte kaschmirische Rebellen vermuten, kann kaum mehr von einem verbalen Schlagabtausch gesprochen werden, der die Beziehungen der beiden feindseligen Nachbarn bislang gewöhnlich dominierte.

Nach dem Überfall auf das Landesparlament der zwischen beiden Ländern umstrittenen Provinz Kaschmir am 1. Oktober hatte Indiens Regierung Rücksicht auf die USA genommen und Zurückhaltung geübt. Diese waren nach den Attentaten in New York und Washington gerade dabei, ihre Allianz gegen den Terror zu schmieden, in der Pakistan eine Schlüsselrolle zugedacht war. Dieses diplomatische Entgegenkommen erntete denn auch prompt viel Lob aus Washington. Und Delhi, so hofft wenigstens die Regierung von Premier Atal Behari Vajpayee, kann sich auch weiterhin der erst im vergangenen Jahr gewonnen Gunst der damals noch Ex-Präsident Bill Clinton geprägten US-Außenpolitik erfreuen. Der jüngste Anschlag auf das Bundesparlament in Delhi hat freilich eine andere Qualität. Dies war viel mehr als eine Attacke auf ein imposantes Sandsteingebäude, das noch von den früheren britischen Kolonialherren erbaut worden war. Sie wird als symbolischer Angriff auf eine Institution gewertet, die in Indien höchsten Stellenwert genießt - auf seine parlamentarische Demokratie.

Auf diese können die Inder in der Tat stolz sein: Das Land ist extrem heterogen: viele Rassen, Sprachen, Religionen, eine soziale Kluft, die fast unüberbrückbar erscheint. Die Geschicke eines solchen Staatsgebildes seit der 1947 erzielten Unabhängigkeit fast ohne Unterbrechung nach Westminster-Regeln zu lenken, ist hohe politische Kunst. Nicht zuletzt liegt Indien in einer Region, wo die Vokabel Rechtsstaatlichkeit nicht nur in Pakistan ein Fremdwort ist.

Insofern ist die indische Wut verständlich. Und gerade im Disput um die mehrheitlich von Moslems bewohnten Kaschmir-Region konnte es sich bisher keine Regierung leisten, Zugeständnisse zu machen: Sie würde - ganz im Gegensatz zu Pakistan, wo bekanntlich meist das Militär die Politik bestimmt - schlicht abgewählt.

Umso mehr pocht Indien nun auf sein Recht, ebenso wie die USA oder Israel sich gegen Terroristen verteidigen zu dürfen - notfalls auch auf pakistanischem Territorium. Doch der Vergleich hinkt. Sowohl in Pakistan als auch in Indien lagern inzwischen Atomwaffen in den Arsenalen. Eine militärische Auseinandersetzung kann also rasch eine höchst brisante Dimension erreichen, wobei sich dann nicht mehr die Frage stellt, ob dies freiwillig oder unfreiwillig geschehen ist.

Sicher, die Regierung beider Länder haben mehrfach betont, dass ihre Atompotenziale ausschließlich der Abschreckung dienen. Und eine Politik, die sich während des Kalten Krieges bewährt hat, sollte auch in Südasien gerade in heiklen Situationen beherzigt werden. Doch das Risiko bleibt.

Nicht umsonst werden aus vielen Richtungen eindringliche Aufrufe zur Mäßigung an Delhi und Islamabad adressiert. Aus gutem Grund besonders laut aus den USA. Denn selbst ein konventioneller Krieg - es wäre schon der vierte zwischen den beiden hoch gerüsteten Kontrahenten - könnte Washingtons Afghanistan-Operation durchkreuzen. Gleiches gilt übrigens auch für jene der Uno. Ein durch einen Waffengang gegen Indien paralysiertes Pakistan wäre für die Anti-Terror-Strategie nicht nur weitgehend nutzlos, sondern hinderlich. Dies weiß man auch in Delhi. Nachdem dort die Realpolitiker Pakistans Aufwertung durch Washington fast ohne Murren akzeptiert haben, hofft man nun nach dem frühen Lob darauf, dass die Amerikaner schon aus eigenem Interesse Präsident Pervez Musharraf und seinen Kameraden scharf auf die Finger schauen und sie zwingen, die moslemischen Kaschmir-Rebellen in den Schwitzkasten zu nehmen.

Schließlich haben die Inder nicht nur durch ihre konstruktive Haltung gegenüber der Anti-Terror-Koalition eine Vorleistung erbracht. Inzwischen gibt es nämlich auch Anzeichen dafür, dass man in Delhi nun doch bereit zu sein scheint, im Kaschmir-Konflikt, wie von Pakistan schon immer gefordert, international vermitteln zu lassen. Dies war bisher allein schon aus innenpolitischen Gründen ein striktes Tabu. Die indische Koalitionsregierung unter Führung von Vajpayees Hindu-Partei BJP war einst das Etikett nationalistisch angeheftet worden. Davon war bislang nicht allzu viel zu spüren. Die größte Demokratie der Welt würde keineswegs ihr Gesicht verlieren, wenn sie auch in der Kaschmir-Frage über den eigenen Schatten springt.

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