Archiv
Kommentar: Der Umbau der Deutschland AG beginnt

DÜSSELDORF. Das Leben in deutschen Unternehmen ist eine Baustelle. Bereits seit Jahren wird verkauft und akquiriert, refokussiert und arrondiert, sich neu aufgestellt und fusioniert, dass es dem Investment-Banker eine Freude ist. Daimler-Chrysler, der Energieriese Eon und der Pharma-Konzern Aventis sind nur drei Beispiele von Unternehmen, die in dieser Form erst im Laufe der letzten Jahre entstanden sind. Deutsche und Europäer haben damit nachvollzogen, was seit den 80er-Jahren vor allem in angelsächsischen Ländern üblich ist. Selbst wenn das Resultat nicht immer überzeugt: Letztlich wären deutsche Unternehmen ohne Verkäufe von Randaktivitäten, Übernahmen oder Fusionen im internationalen Wettbewerb zurückgefallen.

Nun, Anfang 2002, werden Kapitalgesellschaften von der Steuer auf Veräußerungsgewinne befreit. Dies wird keinen neuen Trend setzten, dafür aber die im Zuge des Konjunkturabschwungs abgeebbte Welle von Mergers & Acquisitions (Fusionen und Übernahmen) wieder anschwellen lassen. Gewaltige Industrieportfolios der großen Finanzinstitutionen können nun verkauft werden,ohne dass lästige Steuern die schöne Wertsteigerung schmälern. Vor allem Banken und Versicherungen aber auch andere Unternehmen werden diese Möglichkeiten nutzen, weil sie selbst unter dem Druck stehen, sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren.

Und das ist auch gut so. Die Bundesregierung hat mit der Steuerbefreiung ein ausgabenschonendes Konjunkturprogramm verabschiedet. Denn wenn ein Unternehmen bereit ist, wie üblich einen hohen Aufschlag auf den aktuellen Wert einer anderen Firma zu zahlen, dann verspricht es sich davon einen Produktivitätsgewinn in mindestens gleicher Höhe.

Volkswirtschaftlich schädlich kann das nicht sein. MAN wäre bei VW oder Volvo, denen regelmäßig starkes Interesse an dem bayerischen Lkw-Bauer nachgesagt wird, besser aufgehoben als bei drei Finanzkonzernen. Genau wie der Bierkonzern Brau und Brunnen besser von Heineken als von der Hypo-Vereinsbank geführt wird. Die Gründe dafür sind hinlänglich bekannt: Bessere Kontrolle, industrielle Synergien, größeres Know-how und eine ausgeprägtere Bereitschaft zu zukunftsfördernden Investitionen sind nur einige davon.

Um so unverständlicher ist es jedoch vor diesem Hintergund, dass nur Kapitalgesellschaften von der Steuerbefreiung profitieren. Personengesellschaften, also der Großteil des deutschen Mittelstandes, müssen bei einem Unternehmensverkauf nach wie vor den Fiskus bedienen. Das ist besonders angesichts der Tatsache, dass viele Eigentümer von kleinen und mittelständischen Unternehmen derzeit einen Nachfolger suchen, mehr als nur ein Schönheitsfehler.

Dennoch: Das komplizierte Geflecht von (Überkreuz-) Beteiligungen - ein wesentliches Element der Deutschland AG - steht vor der Auflösung. Wohl deshalb hat Bundeskanzler Schröder nun offenbar Angst vor der eigenen Courage. Denn diverse Regierungsbeschlüsse nach der spektakulären und selbst für die Finanzwelt unerhofften Steuerbefreiung lassen sich als unverblümtes Bekenntnis Schröders zum Status quo in der Unternehmenslandschaft interpretieren: Sein Versuch, die EU-Übernahmerichtlinie in letzter Sekunde zu torpedieren, die Durchsetzung eines nationalen Übernahmegesetzes und die Tabuisierung der Mitbestimmung vermitteln nicht den Eindruck, dass hier jemand entschlossen die Möglichkeiten nutzt, die sich aus dem Umbau der Deutschland AG ergeben.

Investment-Banker und Private-Equity-Firmen fürchten, dass ihnen nur ein kleines Zeitfenster bleibt, um Unternehmen an jemanden zu verkaufen, der mehr als der gegenwärtige Besitzer damit anfangen kann. Die widersprüchlichen Signale, die Berlin aussendet, sind nicht dazu geeignet, sie zu beruhigen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%