Kommentar
Deutsche Telekom: Nur Verlierer

Das überstieg die Vorstellungskraft selbst der phantasievollsten Beobachter: Der 72-jährige Ex-Henkel-Chef Helmut Sihler als neuer Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG. Sechs Monate lang soll der Mann, der vor zwei Jahren aus Altersgründen als Aufsichtsratsvorsitzender zurücktrat, den Telekommunikationsriesen führen und einen Nachfolger finden.

DÜSSELDORF. Deutlicher konnte der Aufsichtsrat nicht dokumentieren, in welch aussichtslose Lage er sich manövriert hatte. Wenn Finanzminister Eichel das auch noch als "überzeugende Neubesetzung" verkauft, fehlen einem die Worte.

Nach wochenlangem öffentlichem Gezerre um die Führung der Telekom gibt es nur noch Verlierer: Die Kleinaktionäre der Telekom, den geschassten Ron Sommer, die Mitarbeiter des Unternehmens, den Aufsichtsrat, den Bund als Hauptaktionär, den Bundeskanzler und seinen Herausforderer.

Die fast drei Millionen Kleinaktionäre der Telekom müssen sich einmal mehr als Spielbälle der Mächtigen fühlen. Urplötzlich hatten sowohl die SPD als auch die Union die Aktienbesitzer als Wählerpotenzial entdeckt. Populistische Attacken gegen Sommer schienen Kanzlerkandidat Edmund Stoiber und seinen Wahlkampf-Strategen ein genialer Schachzug, um Bundeskanzler Gerhard Schröder in die Enge zu treiben. Und wirklich, der Kanzler tappte in die Falle, rückte erstmals von Sommer ab und läutete damit dessen Ende ein - angeblich ohne sich weiter eingemischt zu haben. Schröders Dilettantismus wird Stoiber zwar kurzfristig nutzen, aber wenn er die Wahl gewinnt, erbt er ein Riesen-Problem.

Doch was nützt der Eingriff des Großaktionärs Bund den Kleinaktionären? Natürlich waren sie wütend auf Sommer, den charmanten Verkäufer, der viele von ihnen zum Kauf von T-Aktien überredet hat, als der Kurs noch rund sechs Mal so hoch war wie heute. Natürlich waren sie auch sauer auf die Selbstbedienung, die sie im Aktienoptionsprogramm der Telekom witterten. Aber wenn ein Unternehmen, das zur Refinanzierung seiner enormen Schuldenlast auf die internationalen Kapitalmärkte angewiesen ist, als abhängig von Launen der Politik vorgeführt wird, könnte der langfristige Schaden für die Aktionäre größer sein als der, den Sommer angerichtet hat.

Schlimm ist das Laientheater um Sommers Ablösung auch für die 250 000 Beschäftigten des Konzerns - auch sie übrigens in ihrer Mehrzahl deutsche Wähler. Die jetzt um Monate verlängerte Unsicherheit mit neuen Personalspekulationen wird sie lähmen. Wenn notwendige Sanierungen verschoben werden, gefährdet das langfristig ihre Arbeitsplätze. Wie schnell ein Konzernriese zum Pleitekandidaten wird, ist dieser Tage ja in Serie zu besichtigen.

Blamiert hat sich auch der Aufsichtsrat. Obwohl intern schon länger die Kritik an Sommer gewachsen war, betrieben die Aufseher nun plötzlich angesichts des politischen Drucks Sommers Ablösung, ohne eine personelle Alternative parat zu haben. Ein Beweis mehr dafür, dass Deutschland professionellere Aufsichtsräte braucht. Bleibt als Hauptverlierer noch Ron Sommer. Seinen Kampf gegen den Großaktionär Bund hat er von Anfang an auf verlorenem Posten geführt. Immerhin wird er sich wohl mit einer saftigen Abfindung trösten können - und genau diese zweifellos ansehnliche Summe wird das nächste PR-Debakel für den Kanzler sein.

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