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Kommentar: Die Börsen brauchen bessere Konjunkturaussichten

Gute Nachrichten bei Motorola, Yahoo und Microsoft lösen noch keine neue Hausse aus.

Drei amerikanische Unternehmen reißen die Börsen aus ihrer tiefen Depression. Selten ist das Aufatmen der Anleger so deutlich zu spüren. Mit einem Mal verfliegen die Ängste vor den vielen Quartalsberichten, die noch für manche negative Überraschung sorgen werden. Doch erst einmal zählt, dass Motorola und Yahoo mit ihren Prognosen die Erwartungen übertroffen haben. Und obendrein hebt Microsoft inmitten der konjunkturellen Talfahrt seine ambitionierte Umsatzprognose leicht an. Damit beweisen die USA einmal mehr ihre Leitfunktion für alle Märkte. Die erhoffte Wende an den Börsen ist damit allerdings noch längst nicht geschafft.

Die drei Technologie-Schwergewichte zeigen aber, wie Investoren auf ganz einfache und durchsichtige Weise in Euphorie zu versetzen sind: Motorola und Yahoo schlagen die vorangegangenen Prognosen jeweils um einen Cent. Dabei spielt keine Rolle, ob Gewinn (Yahoo) oder Verlust (Motorola) erwirtschaftet wird. Hauptsache, die Erwartungen werden geringfügig übertroffen.

Dass Motorola zuvor seine Ziele drastisch heruntergesetzt hat, vergessen Anleger durchaus nicht. Aber entscheidend ist die Zuverlässigkeit: Wenn schon Gewinnwarnungen präsentiert werden, dann müssen wenigstens anschließend die neuen und schlechteren Prognosen eingehalten werden. Denn noch mehr als schlechte Ergebnisse hassen Anleger Unzuverlässigkeit und damit die Ungewissheit über die Aktie ihres Unternehmens.

Microsoft spielt noch eine Klasse höher: Der Software-Gigant versteht sich so geschickt in dem Geschäft mit den Prognosen, dass diese stets mit dem Endergebnis übereinstimmen. Überraschungen gibt es allenfalls, indem die Erwartungen um einen oder zwei Cent übertroffen werden. Anleger belohnen diese hohe Kunst an Zuverlässigkeit reichlich: Microsoft ist an der Börse höher bewertet als viele rasant wachsende Unternehmen in Zukunftsbranchen. Dabei legt das Schwergewicht bei Umsatz und Ertrag auf Grund seiner Größe kaum noch zu.

Die meisten europäischen Technologie-Wettbewerber spielen dagegen zwei Klassen tiefer als Microsoft. Zwar ist ein Unternehmen wie Nokia gesünder als der krisengeschüttelte Telekomausrüster Motorola. Doch Investoren fürchten bei den Gesellschaften auf dem Alten Kontinent, dass diese ihre Prognosen nicht einhalten und sie aus Angst vor einem Gesichtsverlust spät und in Häppchen nach unten korrigieren. Beispiele gibt es genug - ob im Euro-Stoxx mit Alcatel und Marconi, im Dax mit Infineon oder im Neuen Markt. Hier ist die Liste lang, und es ist unfair, eine Firma herauszupicken.

Haben die drei US-Unternehmen damit die Börsen gerettet und die seit über einem Jahr vergeblich beschworene Trendwende eingeleitet? Nein, denn an den Ursachen, die zu dem Crash bei Technologie-Aktien führten, ändert sich nichts. Erst waren die Aktien überbewertet. Jetzt leiden die Unternehmen unter der abrupten Abschwächung des Wirtschaftswachstums in den USA und Europa und der Krise in vielen Schwellenländern. Mangelnde Nachfrage, Überkapazitäten und Preisverfall sind die Folgen. Die Wende für die Börsen bringen nicht Ergebnisse, die um einen Cent besser ausfallen. Eine neue Hausse setzt voraus, dass die Konjunktur anspringt.

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