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Kommentar: Die Märkte erwarten vom neuen Commerzbank-Chef schnelle Erfolge

Knallen bei Klaus-Peter Müller am Sonntag die Sektkorken, oder ist die Euphorie nach den ersten hundert Tagen an der Spitze der Commerzbank verflogen? Jovial und selbstbewusst wie zuvor präsentiert sich der Kohlhaussen-Nachfolger in diesen Tagen nach außen, unerbittlich hart und als Mann konsequenter Entscheidungen nach innen. "Wir machen vor nichts Halt" - nach dieser Devise durchkämmt er seit seinem Amtsantritt die Bank, um die Rendite zu steigern.

Das ist auch dringend notwendig. Kein Bankchef stand in den letzten Wochen so im Rampenlicht wie er. Investmentbanker stehen Schlange vor dem Aufzug in die Spitze des Frankfurter Bankturms, um vor Müller den vermeintlich idealen Käufer für die Bank zu präsentieren. Doch ob es den Beratern um Allfinanz oder Aufspaltung, Fusion oder Fokussierung auf nur wenige Geschäftsfelder geht - für Müller spielen solche Gedankenspiele derzeit nur eine zweitrangige Rolle. Er kennt nur ein Ziel: Er will die Kosten senken, um den Wert der Bank zu erhöhen.

So sind auch die ersten Entscheidungen Müllers in den vergangenen drei Monaten zu verstehen. Die Kosten der Bank sollen in der zweiten Jahreshälfte um 240 Millionen Euro gesenkt werden, zusätzlich zu den 140 Millionen Euro, die das mittelfristige Strategieprogramm der Bank ohnehin vorsieht. Und im Geschäftsfeld Asset-Management (Vermögensverwaltung) werden die internationalen Ambitionen auf ein Minimum reduziert: Nur eine Hand voll europäischer Märkte bleibt im Fokus, und die Tochtergesellschaften sollen stärker vernetzt werden, um die Effizienz zu steigern. Das ist der Kern der künftigen Ausrichtung des Asset-Managements.

Straffer will Müller auch das Firmenkundengeschäft führen. Ihm wird weniger Eigenkapital zugeordnet, weil die Rendite insgesamt unter der in den anderen Geschäftsfeldern liegt und der Anteil der nicht mit Kapital zu unterlegenden Geschäfte erhöht werden soll.

Auch wenn hundert Tage eine zu kurze Zeit sind, um ein Urteil über die Erfolgsaussichten von Müller abzugeben, so zeigt sich in diesen Aktionen doch schon seine Handschrift: Zuerst sollen die Effizienz und Leistungsfähigkeit der Bank gesteigert werden, bevor er nach außen schaut, um neue Geschäftsfelder zu erobern.

Damit liegt Müller auf der Linie seiner Konkurrenten - auch Deutsche Bank und Hypo-Vereinsbank etwa haben sich massive Kostensenkungen und Renditesteigerungen zum Ziel gesetzt. Doch der Handlungsdruck, unter dem Müller steht, ist erheblich größer: Mit 4,5 Prozent nach Steuern im ersten Halbjahr ist die Eigenkapitalrendite seiner Bank im europäischen Vergleich extrem niedrig. Der Aktienkurs spiegelt die Misere wider: Trotz Strategieprogramm und weiterer Kostensenkungen, trotz Fokussierung des Asset-Managements und Übernahmespekulationen verharrt er auf einem Niveau um 27 Euro.

Wo liegt der Unterschied zu den Wettbewerbern? Deutsche Bank und Hypo-Vereinsbank haben früher angefangen, an ihrer Profitabilität zu arbeiten, ohne ihre Stärken in wichtigen Geschäftsfeldern zu beeinträchtigen. Die Konzentration auf Deutschland und ausgewählte europäische Märkte sind die Münchener schon lange angegangen. Die Börse hat das honoriert, während sie bei der Commerzbank nun endlich Erfolge sehen will. Ein weiteres Beispiel: Das Zusammenführen von klassischem Firmenkundengeschäft und Investment-Banking praktiziert die Deutsche Bank seit längerem. Zwar mit Schwierigkeiten, denn Mentalität und Geschäftsgewohnheiten sind schwer zu vereinbaren, doch immerhin mit einem Vorsprung im Markt. Auch die Hypo-Vereinsbank hat diesen Weg bereits eingeschlagen.

In der Vermögensverwaltung hat Müller mit der Straffung der Führung auf lange schwelende Problemherde reagiert: Verluste bei den US-Töchtern, eine zunehmend schwächere Marktposition der Publikumsfondstochter Adig und hoher Wertberichtigungsbedarf bei Jupiter. Ob die neue Ausrichtung - eher Notfallprogramm denn strategische Vision - richtig ist, wird sich wohl erst nach einiger Zeit zeigen.

Das aber ist genau das Problem von Müller: Der Kapitalmarkt drängt ihn zu kurzfristigem Aktionismus, weil bei niedrigem Aktienkurs eine feindliche Übernahme bedrohlich nahe rückt. Andere Banken haben diesen Druck nicht und mehr Luft für langfristige Strategien. Müller gibt dem Druck der Börse zu leicht nach. So ist das Ziel, nahezu 380 Millionen Euro Kosten in nur sechs Monaten zu sparen, zu verstehen. Es ist extrem ehrgeizig, hat den Kurs aber noch nicht beflügelt.

Wenn der Commerzbank-Chef seine Versprechungen der ersten Monate nicht halten kann, wird die Börse ihn abstrafen. Und die Bankchefs und Investmentbanker, die mit fertigen Plänen für eine feindliche Übernahme auf der Lauer liegen, warten nur auf den ersten großen Fehler von Müller.

Müllers Linie ist eher ein Notfallprogramm denn eine strategische Vision.

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