Kommentar
Die Richtung fehlt

Die Erholung kommt im zweiten Halbjahr, vielleicht erst im Winter, spätestens aber im ersten Halbjahr 2002. Das ist der Tenor in den meisten Ausblicken der Unternehmen.

Am Mittwoch wurde die Prognose für die amerikanische und europäische Konjunktur um eine Nuance erweitert. Der niederländische Halbleiter-Spezialist ASML rechnet damit, dass sich der Chipmarkt frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2002 erholt. Die Tendenz ist klar: Die Unternehmen schieben die Erholung immer weiter hinaus. Sicher ist nur: Die Wende wird kommen, doch niemand weiß wann. Das gilt für die Konjunktur ebenso wie für die Aktienkurse an den Börsen.

Zwar gibt es eindeutige makroökonomische Gründe, die für eine baldige Konjunkturbelebung sprechen: Die aggressive Zinspolitik in den USA seit Januar wird ebenso ihre positive Wirkung entfalten wie die umfangreichen Steuersenkungen des republikanischen US-Präsidenten George W. Bush. Doch auf Unternehmensseite fehlen bislang die Hinweise für ein Ende der Talfahrt, geschweige denn die für eine Erholung.

Die Firmen wissen um diese Misere. Einerseits stellen beispielsweise Halbleiter-Spezialisten deutlich weniger Chips her, so dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann das Angebot geringer als die Nachfrage ist. Doch wann es so weit ist, vermag niemand zu sagen. So gibt Apple in seinem Quartalsbericht zwar einen vorsichtig optimistischen Ausblick für das zweite Halbjahr. Gleichzeitig verweist der Computerhersteller aber auf das schwierige Geschäft in Europa. Auf dem Alten Kontinent würden die negativen Trends aus den USA jetzt nachgeholt werden. Übersetzt heißt das: Apple weiß nicht, wie sich das Gesamtgeschäft entwickeln wird.

Drastischer drückt sich ASML aus: Die Niederländer räumen frank und frei ein, dass sie nicht prognostizieren können, wann die Nachfrage wieder anzieht. Intel gibt sich zwar vorsichtig optimistisch. Doch allein Hoffnung nährt die Zuversicht. Der US-Gigant vertraut darauf, dass die Mikroprozessoren-Geschäfte zu den üblichen saisonalen Trends zurückkehren werden. Schließlich seien in der Vergangenheit die Chipauslieferungen im zweiten Halbjahr durch den Beginn des neuen Schuljahres im September und das Weihnachtsgeschäft immer deutlich gestiegen.

Derartiger Optimismus überzeugt Anleger kaum. Vielmehr schlägt sich die unbefriedigende Ungewissheit über das Schicksal der Konjunktur und der Unternehmen an den Börsen nieder. Solange es keine klaren Hinweise für eine Erholung gibt, wird die erhoffte Trendwende auf sich warten lassen. Die Märkte nehmen zwar positive wie negative Entwicklungen vorweg. Doch solange diese niemand kennt, fehlt der Börse die Richtung.

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