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Kommentar: Ein Brief und viele Exegeten

Ein Diplomat, so hat der vielleicht verschlagenste seines Faches, Charles Maurice de Talleyrand, einmal gesagt, sei ein Mann, der "Ja" sagt, wenn er "Vielleicht" meint, und "Vielleicht" sagt, wenn er "Nein" meint. Im Gegensatz übrigens zu jenen, die von Anfang an einfach "Nein" sagen würden. Sie seien alles andere, nur eben leider keine Diplomaten.

Auf nichts trifft die feinsinnige Unterscheidung des einstigen französischen Außenministers derzeit besser zu als auf die deutsch-amerikanischen Missverstimmungen in Sachen Irak. Damit aus dem momentanen Nichtverhältnis demnächst wieder ein Verhältnis wird, sind auch Kleinigkeiten wichtig. Und so sind spätestens seit Donnerstag die Textexegeten und Weiße-Haus-Astrologen im Auswärtigen Amt und Kanzleramt ordentlich am Schwitzen: Signalisiert das jüngste Schreiben des US-Präsidenten an den deutschen Bundespräsidenten eine diplomatische Wiederannäherung Washingtons an Berlin? Und kann der Glückwunsch George Bushs zum Tag der deutschen Einheit vielleicht auch als nachgereichte Gratulation an den Wahlsieger Gerhard Schröder interpretiert werden? Bekommt gar, nach Tagen des Schweigens, nicht nur Johannes Rau Post aus Washington, sondern womöglich auch bald Gerhard Schröder einen lang ersehnten Anruf aus dem Weißen Haus für ein klärendes Gespräch?

Wer die Mühen und Verrenkungen sieht, mit der die deutsche Politik derzeit auf allen Ebenen bestrebt ist, das im Wahlkampf zertretene Porzellan wieder zu kitten, erahnt, wie tief der Graben zwischen Washington und Berlin wirklich ist. Alle Bilder mit einem lächelnden Joschka Fischer bei der Uno in New York und einem deutschen Kanzler im Weißen Haus werden darüber nicht hinwegtäuschen können: Die deutsch-amerikanischen Beziehungen haben Schaden genommen.

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