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Kommentar: Ein Tempel für den kleinen Sonnengott

Ein gewaltiger Tusch, der silberne Vorhang wird von den Scheiben gerissen. Der Blick wird frei auf eine Auto-Fabrik, die eigentlich ein Kunstwerk sein will.

vwd DRESDEN. Skulpturen aus schwarzem Blech gleiten auf dem holzvertäfelten Transportband durch gläserne Hallen. Menschen in weißen Anzügen legen Hand an die glänzenden Karossen und schaffen ein Auto namens "Phaeton".

Auch wenn die VW-Luxuslimousine wie ein großer Passat aussieht und nicht wirklich an den Sonnenwagen erinnert, mit dem einst der Phaeton genannte Sohn des Sonnengottes durch sein Reich zog, ist der Rückgriff auf die griechische Mythologie nicht fehl am Platze. Denn die "Gläserne Manufaktur", die am Dienstag feierlich in Dresden eröffnet wurde, ist nach der Autostadt in Wolfsburg der zweite Tempel, den der scheidende Volkswagen-Vorstandsvorsitzende Ferdinand Piech der Autowelt und möglicherweise auch seinem Andenken schenkt.

Zur Einweihung kam natürlich auch der "Kanzler aller Autos" und Piechs Duzfreund Gerhard Schröder. Zwar verteilte er launig den ein oder anderen Seitenhieb, reihte sich aber ansonsten in die Ehrerbietung ein. Schröder betonte die große Leistung der Automobilindustrie für Deutschland und vor allem für die Neuen Länder, die nur durch die notleidende Bauindustrie soweit hinter dem Westen lägen.

Er warnte indirekt aber unverkennbar die Gewerkschaften vor zu hohen Lohnforderungen und verteidigte mit mannhaften Worten die staatlichen Beihilfen für Großprojekte wie die Fabriken von VW und BMW im Osten Deutschlands, die von der EU-Kommission derzeit kritisch gesehen werden. Der bevorstehende Wahlkampf war bereits spürbar, und der Kanzler nutzte die Gelegenheit, um seine Nähe zur deutschen Industrie zu demonstrieren.

Am Ende setzte er sich natürlich auch hinter das Steuer des neuen Autos, von dem er als erster eine gepanzerte Version für seinen Fuhrpark erhielt. Vorher hatte er aber noch gemeinsam mit dem sächsischen Ministerpräsidenten und der Konzernspitze in einer Abschlusszeremonie der Manufaktur und dem "Phaeton" die besten Wünsche mit auf den Weg mitgegeben. Das klang ein wenig wie die Fürbitten in der Kirche, und möglicherweise wird es das Prestigeobjekt nötig haben. Denn den Weg in die Luxusklasse lässt sich Volkswagen eine Menge kosten.

Die 365-Mill-DM-Investition in Dresden ist da nur ein geringer Teil. Branchenbeobachter schätzen, dass VW Milliarden bewegen muss, um tatsächlich die "Oberen Zehntausend" als Kundschaft zu gewinnen. Der "Phaeton" mit einem Kaufpreis von 100 000 bis 200 000 DM je nach Aussatttung ist da nur ein Schritt. Der noch exklusivere Bentley und der gemeinsam mit Porsche entwickelte Geländewagen kommen noch.

Zwar sind die Gewinnmargen in dieser Region deutlich höher als bei Polo und Co, aber andere sind schon in dem Markt, den VW erst erobern will. BMW, Mercedes und Jaguar sind nur einige der Konkurrenten, auch die zum Konzern gehörende Marke Audi zählt dazu. Über den geplanten Absatz schweigt sich der Konzern aus, selbst die kolportierten 20 000 Fahrzeuge pro Jahr gelten im Branchenschnitt als eher geringe Zahl. Möglich, dass der kleine Sonnengott auch den Golf-Fahrern ein wenig mehr Glanz verleiht, weil sich das Image der ganzen Marke hebt. Dass er aber heller scheinen kann als die Sterne am Luxushimmel, muss der "Phaeton" aber erst noch beweisen.

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