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Kommentar: Eine reife Baisse

Die Börsentalfahrt in der New Economy greift auf alle Standard-Titel über. Der Rutsch unter die 5 000-Punkte-Marke im Deutschen Aktienindex (Dax) und der fast 40-prozentige Verlust seit März 2000 sind nicht mehr allein mit dem Platzen der Blase in der New Economy zu erklären. Die Angst vor einer vielleicht drohenden, bislang aber nicht zu erkennenden Rezession in Euro-Land und den USA treibt die Investoren aus den Aktien. Doch in der Resignation und Panik wird übersehen, dass die berechtigte Verkaufswelle bei High-Tech-Titeln zu Unrecht substanzstarke Unternehmen der alten Industrie in Mitleidenschaft zieht.

Zunächst einmal ist der Ausverkauf gut für die künftige Börsenentwicklung. Gut deshalb, weil er zeigt, dass die 18-monatige Baisse ihre reife Phase, sprich ihren Höhepunkt, erreicht. Wenn Aktien wie Allianz, Deutsche Bank, Linde, Siemens, und Volkswagen tausendfach auf den Markt geworfen werden, ohne dass es echte Rezessionssignale, schlechte Nachrichten zur Branche, geschweige denn zum Unternehmen gibt, ist ein wesentliches Kriterium für die letzte Stufe des Abschwungs erfüllt. Selbst positive Meldungen aus den USA wie das Anspringen wichtiger konjunktureller Frühindikatoren und die Ausweitung der Geldmenge werden ignoriert. Anleger haben stattdessen nur ein Bedürfnis: verkaufen - koste es, was es wolle. Fondsmanager verstärken den Trend, weil sie Verlustbringer nicht länger im Depot halten wollen und mit Hilfe eines höheren Bargeldanteils besser als der Vergleichsindex und die Konkurrenz abschneiden wollen. Das Fatale ist, dass die Entwicklung der pessimistischen Mehrheit Recht gibt: Je eher sich der Investor von seinen Anteilsscheinen trennt, desto besser ist bislang die Performance.

Selbst jene Anleger, die erstmals mit der Emission der T-Aktie Börsenluft schnupperten, erreichen spätestens jetzt die Schmerzgrenze. Denn auch wer vorsichtig agierte und nur auf große, moderat bewertete Blue Chips setzte, rutscht in die Verlustzone. Wer dagegen seinem Sparbuch treu blieb, ist der Gewinner. Diese erschreckende Erkenntnis zeigt, dass selbst ein langer Atem von mehreren Jahren den Erfolg an der Börse nicht garantiert.

Niemand vermag das noch bevorstehende Ausmaß der Talfahrt vorherzusagen. Tückischerweise kommt es bei fast allen Abschwüngen erst in den letzen Wochen prozentual zu den höchsten Kursverlusten. Doch die Gewinnsituation und Aussichten bei den Dax-Unternehmen sind bei weitem nicht so schlecht, wie es das Wegschmelzen von 328 Milliarden Euro, oder mehr als einem Drittel der Marktkapitalisierung, seit März 2000 widerspiegelt. Klassische Bewertungsmethoden signalisieren ein moderates bis niedriges Kursniveau. So ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) bei fast allen Dax-Aktien in den letzten zwölf Monaten trotz eingetrübter Geschäftsausblicke drastisch zurückgegangen und hat inzwischen (unter-)durchschnittliche Niveaus erreicht. In den USA ist die Situation ähnlich: Im maßgeblichen und marktbreiten S & P-500-Index liegt das durchschnittliche KGV bei knapp 15 - wenn Technologiewerte ausgeklammert werden.

Bei nüchterner Betrachtung, also unter Ausblendung der panikartigen Verkaufswelle, liegen die Chancen bei Aktien der traditionellen Industrie höher als die Risiken. Dass die Kurse in den letzten 18 Monaten gesunken sind, sollte die Anleger nicht zu dem Schluss verleiten, dass sie noch lange weiterfallen. Auch wenn der Börse möglicherweise die letzten negativen Übertreibungen noch bevorstehen, lohnt sich jetzt ein Strategiewechsel. Denn die Zahl der verprügelten und unterbewerteten Blue Chips wächst täglich.

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