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Kommentar: Einzelgänger USA

Das afghanische Taliban-Regime ist zerfallen, das geistige Oberhaupt Mullah Mohammed Omar sowie der mutmaßliche Drahtzieher von Terroranschlägen, Osama bin Laden, sind auf der Flucht. Was anfangs eher als "Mission impossible" anmutete, ist in relativ kurzer Zeit erfolgreich zuende geführt worden. Von den USA wohlgemerkt.

Zwar haben sich die Vereinigten Staaten um diplomatischen Beistand bei ihrem Kampf gegen den Terror bemüht, doch zu keiner Zeit ist der Eindruck entstanden, dass dieser wirklich notwendig ist. Die USA agieren nach eigenem Gutdünken.

Von einer Militärallianz bei den Einsätzen in Afghanistan zu sprechen, wäre genauso realistisch, wie Bewohner in einem Potemkinschen Dorf zu vermuten, so der US-Experte Paul Kennedy. Schließlich würden 98% der Kampfaktivitäten auf US-Einsätze entfallen, 2% auf britische Engagements.

Unter den EU-Chefs dürfte der britische Premier Tony Blair die größten Schwierigkeiten haben, den Lauf der Dinge in Afghanistan zu akzeptieren. Blair ließ zu keiner Zeit nach dem 11. September Zweifel aufkommen, dass der engste Verbündete den Kampf gegen den internationalen Terrorismus Schulter an Schulter mit den USA aufzunehmen gedenke. Doch es gab nur Bedarf an Spezialeinheiten der SAS. Auf Angebote der deutschen und französi-schen Regierung gingen die Staaten erst gar nicht ein. Offensichtlich war den USA zu keiner Zeit daran gelegen, Rücksicht auf mögliche Partner nehmen zu müssen.

Über die Konsequenzen wird man jetzt nachdenken. Noch drei Wochen nach den Terrorattacken sah der britische Regierungschef die Chance, eine neue Weltordnung zu kreieren. Er beschwor die moralische Kraft einer Welt, die als Gemeinschaft auf die neuen Herausforderungen agiert. So wie es aussieht, wollten die USA nicht so lange darauf warten. Im Grunde genommen haben sie selbst ihren engsten Verbündeten zu verstehen gegeben, dass sie jederzeit an jedem Ort das Gesetz des Handelns bestimmen werden, sofern sie es für nötig halten. Hilfe ist willkommen, doch nicht notwendig.

Nächster Stopp Irak? Während sich in Europa gegen eine Ausdehnung des Kriegs zunehmend Widerstand formiert, gewinnt diese Option in den USA an Charme. Die USA ha-ben in Afghanistan bewiesen, dass sie im Zweifelsfall nicht auf ihre Verbündeten angewiesen sind. Von einer Gemeinschaftslösung a la Blair scheint man weiter entfernt denn je.

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