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Kommentar: Entzaubert

Die Tendenz der noch jungen Bilanzsaison ist eindeutig. Alle Hoffnungen auf eine rasche Erholung im zweiten Halbjahr werden enttäuscht. Zwar scheint die Talsohle erreicht, aber noch lange nicht durchschritten. In keinem großen Industrieland ist eine deutliche Belebung der Nachfrage in Sicht. Vielmehr überwiegen Skepsis und Unsicherheit - sowohl in der Technologiebranche als auch in der traditionellen Industrie.

An den Börsen war den optimistischen Vorhersagen der Analysten, Volkswirte und Politiker ohnehin kein Glauben geschenkt worden. Hier bewahrheiten sich nun die schlimmsten Befürchtungen: Weil der Crash auf Raten mit ständig nach unten revidierten Gewinnprognosen einhergeht, werden Aktien trotz des Kursverfalls kaum billiger.

Alan Greenspan hatte 1996 in seiner erst im Nachhinein viel beachteten Rede vor dem "irrationalen Überschwang" an den Börsen gewarnt - damals notierte der Dow-Jones-Index 20 Prozent unter dem heutigen Niveau. Vergeblich hofften Investoren in den vergangenen Wochen darauf, dass der amerikanische Notenbankchef angesichts der dramatischen Einbrüche nun vielleicht von einer "irrationalen Untertreibung" in Folge von zu viel Pessimismus sprechen könnte. Doch Greenspan enttäuschte die Anleger zu Recht. Denn nur im Vergleich zu den prognostizierten Gewinnen sind Aktien wieder so billig wie im langjährigen Durchschnitt. Die Quartalsberichte entzaubern Investoren aber gehörig: Weil die meisten Unternehmen Stagnation oder allenfalls geringfügige Ertragsverbesserungen erwarten, sind Gewinnzuwächse von 20 Prozent und mehr, wie sie bislang für das zweite Halbjahr und 2003 vorhergesagt wurden, illusorisch. Auf solchen Zuwächsen basieren aber die meisten aktuellen Aktienbewertungen - die Erwartungen müssen also drastisch gesenkt werden.

Vereinzelte Gewinnsteigerungen, wie sie beispielsweise der Handyproduzent Nokia und der Fotoausrüster Eastman Kodak ausweisen, stehen zudem auf wackligem Fundament. Denn fast immer beruhen die guten Zahlen allein auf Kostenreduzierungen durch Entlassungen. Sobald die Unternehmen nicht mehr weiter an der Kostenschraube drehen können, werden auch die Gewinne wieder sinken. Das Risiko dafür ist hoch, vor allem in den USA. Hier spricht vieles dafür, dass der Konsument, der zwei Drittel zum Wirtschaftswachstum beiträgt, bald einknickt. Neben der Angst vor Terroranschlägen und der Kriegsgefahr am Golf hemmen immer neue Bilanzskandale und die Sorge, arbeitslos zu werden, den Optimismus, der für ungebremste Konsumlust nötig ist.

Die größte Gefahr für die Binnenwirtschaft ist aber der Kursverfall selbst: Der ohnehin hoch verschuldete Durchschnittsaktionär wird täglich ärmer und deshalb gezwungen, seine Ausgaben zu zügeln. Allein Großinvestoren, die aus Angst vor weiteren Kursrückgängen seit Wochen panikartig Aktienbestände liquidieren und nun historisch hohe Cashbestände halten, können die Trendwende auslösen. Doch solange die Unternehmen keine nachhaltige Belebung der Nachfrage erkennen, bleiben an den Börsen die Risiken größer als die Chancen. Das zweite Quartal bringt die erwartete Wende also nicht, das zweite Halbjahr ebenso wenig.

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