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Kommentar: Ernüchterung bei den Anlegern

Geschafft. Das Jahr 2000 ist - aus Sicht einiger Anleger endlich - vorbei. Es wird vermutlich als lange Bewährungsprobe für die oft beschworene neue Aktionärskultur in die jüngere Geschichte eingehen. Denn der 1996 mit dem Börsengang der Deutschen Telekom entstandene Boom rund um die Finanzmärkte kam im vergangenen Jahr zum ersten Mal richtig ins Stocken.

Bis März zogen die Aktienmärkte in Europa und den USA noch stark an. Was danach geschah, ähnelt einem langsamen Abstieg in den Keller: Stufenweise gaben die Kurse - vor allem der Technologie-, Medien- und Telekomwerte - nach. Zwar gab es in jüngerer Zeit häufiger schlechte Phasen. Diese endeten aber meist nach kurzer Zeit. Im vergangenen Jahr war alles anders: Kaum wurde das Ende der Korrektur prophezeit, ging es einen weiteren Schritt abwärts. Der Neue Markt verlor fast 70 Prozent gegenüber seinen höchsten Ständen im Frühjahr, der Deutsche Aktienindex der größten Unternehmen kam mit einem Minus von mehr als 20 Prozent besser weg. Wer die Aktien europäischer Großunternehmen kaufte, verlor sogar "nur" gut drei Prozent.

Für das kommende Jahr ergibt sich aus den jüngsten Erfahrungen eine gute und eine schlechte Nachricht. Die gute zuerst: Die (Aktionärs)-Kulturpessimisten liegen falsch. Sicher haben sich einige Zocker gerade am Neuen Markt alle zehn Finger verbrannt. Doch das Gros der Anleger bleibt bei der Sache, zumal einige auch im schlechten Jahr noch Geld verdienen konnten - etwa mit Nebenwerten. Das Marktforschungsinstitut Emnid ermittelte im Dezember in einer Umfrage, dass für 49 % der Deutschen die Geldanlage in Aktien für die eigene Vermögensplanung noch immer hoch im Kurs steht. Und auch das Deutsche Aktieninstitut (DAI) wird trotz der schwachen Markttendenz für das zweite Halbjahr 2000 eine steigende Zahl von Aktionären melden. Der Verband deutscher börsennotierter Aktiengesellschaften rechnet mit mindestens 11,8 Millionen direkten und über Fonds engagierten Aktionären. Das wäre noch einmal ein Zuwachs um einen knappen Prozentpunkt gegenüber dem ersten Halbjahr 2000.

Zu erwarten ist aber, dass einige der (jungen) Aktionäre ihre Blauäugigkeit verloren haben. Wer zum ersten Mal leichtfertig Geld verloren hat, informiert sich vor dem nächsten Aktienkauf im eigenen Interesse besser. Im Zweifel handelt er nach seiner eigenen Meinung und nicht nach Vorgaben von selbst ernannten Börsengurus oder Bankanalysten. Denn der tiefe Sturz von Börsenlieblingen wie EM.TV hat gezeigt, dass auch professionelle Beobachter weit daneben liegen können, wenn sie sich von charismatischen Vorständen blenden lassen oder Studien unter dem Blickwinkel des besten Geschäfts für das eigene Haus verfassen.

Doch haben die Anleger ihre Bewährungsprobe noch nicht endgültig bestanden, und das ist die schlechte Nachricht. Zwar sagte bei der jüngsten Handelsblatt-Umfrage mehr als ein Dutzend Geldinstitute Dax-Stände am Ende des Jahres von 8 000 und mehr Punkten voraus. Abgesehen davon, dass dort mitunter die gleichen Leute sprechen, die im Jahr 2000 den Umschwung vergeblich herbeiredeten, wird zumindest der Anfang des Jahres von Unsicherheit geprägt. Die Welt-Konjunkturlokomotive USA bremst, und niemand weiß wie stark. Schwer abzuschätzen ist auch, ob sich Europa von der transatlantischen Abkühlung eine Erkältung oder Schlimmeres zuzieht. Sollte es zu einer harten Landung mit rezessiven Tendenzen in den USA kommen, wird wohl auch die Alte Welt in Mitleidenschaft gezogen. So wie es heute aussieht, benötigen die Anleger deshalb auch im Jahr 2001, was ihnen schon 2000 abverlangt wurde: eine Menge Geduld.

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