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Kommentar: Europa droht keine Rezession

Nach dem Höhenrausch des vergangenen Jahres mit einer Wachstumsrate von drei Prozent breitet sich in Deutschland derzeit Katerstimmung aus. Die Wirtschaft hat im zweiten Quartal im Vergleich zum ersten Viertel 2001 nicht mehr zugelegt. Mit Deutschland und Italien stagnieren zwei der drei größten Volkswirtschaften in der Euro-Zone. Für Frankreich wird für das zweite Quartal nur noch ein mageres Plus erwartet. Die Aussichten für das dritte Quartal sind allseits gedämpft. Der Euro-Raum schwankt zwischen Stagnation und lustlos dahindümpelnder Konjunktur.

Ob das Glas der deutschen und der europäischen Wirtschaft aber nun halb leer oder halb voll ist, darüber streiten die Ökonomen. Viel spricht dafür, dass es halb voll ist, dass dem Euro-Raum und auch Deutschland keine Rezession drohen. Deutlich wird das in einem Vergleich mit der europäischen Rezession in den Jahren 1992/1993. Damals fiel das Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zum Vorjahr vier Quartale in Folge. Bislang ist eine solche Entwicklung nirgends zu sehen. Deutschland dürfte in diesem Jahr ein Wachstum von rund einem Prozent, der Euro-Raum von knapp zwei Prozent erreichen. Das ist für den Euro-Raum nur knapp unter normal, für Deutschland als Schlusslicht ein Armutszeugnis - das aber nicht zu Panik herausfordert.

Dennoch gibt es eine erstaunliche Parallele zu 1992/1993. Der aktuelle Einbruch der Industrieproduktion ist etwa so stark und lang anhaltend wie damals. Darunter wird der Euro-Raum auch in den kommenden Wochen noch leiden. Einen ersten Lichtschimmer aber bietet, dass das Industrievertrauen in Deutschland und in den Niederlanden im Juli erstmals seit Monaten gestiegen ist - und im Euro-Raum ohnehin auf deutlich höherem Niveau liegt als 1992/93.

Entscheidender Unterschied im Vergleich zu damals ist zudem, dass der private Konsum in diesem Jahr bis zuletzt vergleichsweise stark blieb. Der Optimismus der europäischen Verbraucher hat sich seit Januar abgeschwächt, er liegt aber weit über dem Niveau der frühen 90er-Jahre. Hier liegen ohne Frage Risiken. Noch ist nicht sicher, ob rückläufige Teuerungsraten und steigende Realeinkommen ausreichen werden, um die Konsumverluste durch die abgebremste Beschäftigungsdynamik auszugleichen.

Wer angesichts dieser Lage mit Rezessionsszenarien flirtet, der übersieht, dass der Kampf zwischen Konsum und Produktion im Euro- Raum noch lange nicht entschieden ist. Erste Signale deuten zaghaft auf eine gesamtwirtschaftliche Erholung ab dem vierten Quartal hin. Der Skeptiker übersieht zudem, dass bis dahin aus dem Ausland positive Impulse zu erwarten sind. Trotz aller strukturellen Anpassungserfordernisse in den USA wird die monetäre Expansion des Alan Greenspan ihre Wirkung zeigen. Zinssenkungen greifen mit einer Verzögerung von bis zu vier Quartalen. Die von der Fed seit Januar in Gang gesetzte monetäre Flut rollt damit erst an, sie wird auch den hiesigen Export wieder beleben.

Auch auf der monetären Seite ist ein historischer Vergleich hilfreich, um die Chancen auf eine baldige Erholung in den USA, im Euro-Raum und in der Welt einzuschätzen. Seit einigen Monaten ist die weltweite Geldmenge kräftig gewachsen, getrieben unter anderem vom Euro-Raum. Manche Ökonomen sprechen gar von einer Explosion der Überschussliquidität, die im OECD - Raum schon jetzt höher liege als seit Beginn der 90er-Jahre, mit steigender Tendenz. Trotz aller Schwierigkeiten, die sich bei der Analyse von Geldmengenzahlen ergeben, ist doch eines sicher: Eine so starke Expansion der Geldmenge hat ihre stimulierende Wirkung noch nie verfehlt.

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