Kommentar: Geduld ist gefragt
Schrempp muss auf Mercedes achten

Seit knapp vier Jahren schildert Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp seine Vision der Welt AG in den schönsten Farben. Der Stuttgarter Autokonzern soll auf den wichtigsten Märkten Amerika, Europa und Asien eine führende Rolle spielen. Die Fusion mit Chrysler war der erste Schritt, der zweite der Einstieg beim Japaner Mitsubishi Motors (MMC). Doch auch gestern auf der Hauptversammlung in Berlin blieb offen, ob Schrempp mit seiner Vision in der Praxis erfolgreich sein wird. Klar ist, die Aktionäre müssen sich noch viele Jahre gedulden.

Auf dem Papier besticht Schrempps Vision durchaus: Daimler-Chrysler will auf den wichtigsten Wachstumsmärkten bei Personenwagen und Nutzfahrzeugen auf hohe Stückzahlen kommen und damit pro Fahrzeug die Entwicklungskosten senken. Die teuren technologischen Innovationen der Luxusmarke Mercedes-Benz sollen so abgesichert werden.

In den vergangenen zwölf Monaten ist der Daimler-Chef bei der Umsetzung der Welt AG einen weiteren Schritt vorangekommen. Die drei Puzzles der Welt AG, Mercedes-Benz, Chrysler und MMC sind keine losen Gebilde mehr. Im Koordinationsgremium, dem Europäischen Automotive Council, wurden vor allem Chrysler und MMC zusammengerückt. Chrysler entwickelt jetzt für beide Firmen die großen Pkw-Plattformen, Mitsubishi die kleinen. Mercedes-Benz liefert wichtige Technologie dazu.

Die Früchte dieser Zusammenarbeit können die Aktionäre allerdings frühestens in drei Jahren betrachten, wenn die ersten Fahrzeuge der Welt AG bei Chrysler und Mitsubishi von den Bändern rollen, und die Kunden ihre Kaufentscheidung fällen.

Auch bei Schrempps zweiter globalen Baustelle, der Nutzfahrzeugsparte, geht es nicht sehr viel schneller voran. Der Weltmarktführer bei Lastwagen ist zwar gut aufgestellt: In Amerika hat der Konzern die Marken Freightliner, Sterling und Westernstar. In Europa sind es Mercedes-Benz und in Japan bald Fuso, wenn die MMC-Nutzfahrzeugsparte wie geplant bei Daimler angedockt wird. Doch für die globale Ausrichtung benötigt Schrempp Geld, das seit den Milliardenverlusten der Sanierungsfälle insbesondere bei Chrysler und Freightliner knapp geworden ist.

Die Nutzfahrzeugsparte soll künftig nach einem Baukastensystem funktionieren. Dezentral in den jeweiligen Märkten sollen daraus die passenden Lastwagen montiert werden. Teuer wird jedoch die beabsichtigte Zentralisierung der noch auf mehrere Länder verteilten Entwicklungszentren.

Schrempp hat noch eine weite Wegstrecke bis zur Umsetzung seiner Welt AG vor sich. Der Daimler-Chef muss zudem aufpassen, dass nicht neue Hindernisse auftauchen. Der wichtigste Konzernteil, die Nobelmarke Mercedes-Benz, darf beispielsweise keinen Schaden nehmen. Es klingt banal: Aber wenn Schrempp und seine Spitzenkräfte auf anderen Baustellen so beschäftigt sind, könnte Mercedes zu kurz kommen. Schon jetzt geben Qualitätsmängel bei Mercedes-Fahrzeugen Anlass zur Sorge.

Sollte Schrempps Welt AG in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts funktionieren, bleibt noch die Frage: Haben sich all die Anstrengungen gelohnt? Ist ein weltweit aufgestelltes Riesenkonglomerat Daimler-Chrysler tatsächlich rentabler als es die Daimler-Benz allein hätte sein können? BMW könnte dafür eine Messlatte sein.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%