Kommentar
Gesucht: ein Konzept für Afghanistan

Der rasche Fall Kabuls und die Machtergreifung der Nordallianz in der von den Taliban fluchartig verlassenen Hauptstadt Afghanistans stellen die internationale Gemeinschaft vor erhebliche Probleme. Weder für die politische Zukunft, noch für den wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes steht ein tragfähiges Konzept. In aller Eile berufen daher Vereinte Nationen, Weltbank und andere internationale Organisationen dieser Tage Konferenzen ein, um Klarheit über das Vorgehen in Afghanistan zu schaffen.

Klüger wäre es gewesen, man hätte sich beizeiten Gedanken gemacht, denn so drängt sich der fatale Eindruck auf, niemand wisse so recht, wie die künftigen Strukturen Afghanistans denn nun aussehen sollen. Nur eines ist klar: Rasches Handelns ist dringend geboten, um die Versorgung der Bevölkerung abzusichern und den Einfluss auf die politische Entwicklung in in Kabul nicht zu verlieren. Denn während USA, Vereinte Nationen und andere über die Zukunft Afghanistans beratschlagen, werden in Kabul bereits Fakten geschaffen. Zwar hat der schlitzohrige Führer der Nordallianz, Burhanuddin Rabbani, seine Bereitwilligkeit kund getan, gemeinsam mit der Uno am künftigen politischen Modell für Afghanistan zu feilen, platziert derweil aber unverdrossen seine Gefolgsleute an die strategisch wichtigen Schaltstellen. Offen ist, ob sie ihren Platz eines Tages freiwillig räumen werden.

Als wirksamstes Druckmittel für die künftige Gestaltung Afghanistans bleibt neben den B-52-Bombern die Wirtschaftshilfe. Der Wiederaufbau des Landes wird etliche Milliarden Dollar verschlingen. Wieviele es sein werden, weiß nicht einmal die Weltbank zu beziffern, denn einen Fall wie Afghanistan hat es bislang noch nicht gegeben. Mehr als 20 Jahre Krieg haben das Land vollkommen ruiniert, es existiert praktisch keine Infrastruktur mehr, das Bildungssystem liegt brach. Aus eigener Kraft kann sich die Bevölkerung nicht ernähren, im ganzen Land sind die Bewässerungssysteme zerstört worden. Verschärfen dürfte sich die Ernährungslage durch den nahenden Winter und die Rückkehr der Flüchtlinge. Und auf die lauert eine tödliche Bedrohung: Landminen. Allein ihre Beseitigung kostet mindestens 500 Mill. $.

Für Jahre hinaus wird Afghanistan am Tropf der internationalen Hilfsorganisationen hängen. Doch wer für die gigantischen Kosten aufkommen soll, ist noch ebenso unklar wie die zielgenaue Verteilung der Mittel. Die Weltbank schlägt vor, einen Treuhandfonds und eine nationale Wiederaufbauagentur einzurichten, um die Hilfsaktionen zu finanzieren und zu koordinieren. Voraussetzung für die Wiederbelebung der afghanischen Wirtschaft ist der Aufbau von nationalen Institutionen und die Einrichtung einer funktionsfähigen Regierung. Daher kommt der Arbeit des Uno-Sonderbeauftrgten Lakhdar Brahimi in den nächsten Wochen eine ganz besondere Bedeutung zu. Nur wenn er in enger Abstimmung mit den Großmächten und den politischen Strömungen im Lande ein Modell entwickeln kann, das die Nordallianz in eine von allen ethnischen Gruppen getragene Regierung einbindet, könnte Afghanistan aus dem Teufelskreis von Clan-Interessen, Bürgerkrieg und Drogenwirtschaft herausgeführt werden.

Für die Uno stellt diese Operation die größte Herausforderung ihrer Geschichte dar. Allein wird sie sie nicht bewerkstelligen können, denn weder Osttimor noch der Balkan liefern adäquate Erfahrungsmuster für diesen Einsatz. Die Dimensionen in Afghanistan sprengen jeglichen Vergleich. Und das Beispiel Somalia lehrt, wie fatal es ist, wenn man sich der Illusion hingibt, von außen das Geschick eines Landes steuern zu wollen. Sollte es allerdings gelingen, eine stabile Ordnung am Hindukusch zu etablieren, wird Afghanistan zu einem Lehrstück für den Aufbau einer neuen Nation. Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg.

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