Kommentar: Globalisierung wird nicht gebremst
Den Alliierten winkt eine Friedensdividende

Wird der Krieg gegen den Terrorismus mit all seinen politischen und wirtschaftlichen Folgen die Globalisierung verlangsamen oder sogar aufhalten? Viele Kapitalismuskritiker hoffen das, einige Marktwirtschaftler befürchten es. Wahr ist: Der Trend zur weltwirtschaftlichen Integration hat in der Geschichte immer wieder heftige Rückschläge erlebt.

Das letzte Beispiel dafür waren die beiden Jahrzehnte zwischen der großen Depression und dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Der Historiker Harold James, selbst ein Globalisierungsskeptiker, sieht drei Gründe für den starken Rückgang der internationalen Verflechtung schon vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Zum einen die tiefe Krise in den wichtigsten Volkswirtschaften der Welt, die Ängste und nationalistische Gegenbewegungen in großen Bevölkerungsschichten schürte. Zweitens versagten politische und wirtschaftliche Institutionen bei der Aufgabe, die damaligen Folgen der Globalisierung zu bewältigen. Der dritte Grund war die Existenz globalisierungsfeindlicher Wirtschafts- und Gesellschaftsmodelle in der Sowjetunion und in Nazi-Deutschland, die weltweit viele Menschen in ihren Bann zogen.

Keine dieser Bedingungen ist heute erfüllt: Die Konjunkturschwächen in den G7-Ländern dürften im nächsten Jahr überwunden sein. Die Staatengemeinschaft und die internationalen Institutionen reagieren vernünftig auf die Doppelherausforderung durch Wirtschaftskrise und Terrorismus. Und den Globalisierungsgegnern fehlt jedes überzeugende Gegenmodell zum liberalen Kapitalismus westlicher Prägung. Die Taliban-Diktatur, Nordkoreas Steinzeitkommunismus oder Mugabes neuer Rassistenstaat? Dafür macht sich wohl selbst der radikalste Anhänger des Attac-Netzwerks nicht stark.

Vieles spricht im Gegenteil dafür, dass der Kampf gegen den Terrorismus die Globalisierung beschleunigen und keineswegs bremsen wird. Die USA werden den Fehler Bill Clintons so schnell nicht wiederholen, Länder wie Afghanistan einfach ihrem Schicksal zu überlassen. Das allein wird sich schon in den nächsten Jahren als Beschleunigungsfaktor für die Globalisierung erweisen.

Seit dem 11. September sind die politischen Risiken und ökonomischen Kosten für alle Länder erheblich gestiegen, die Terroristen Unterschlupf gewähren. Umgekehrt können alle Staaten, die sich der Anti-Terror-Koalition anschließen, mit Belohnungen in Form von mehr Entwicklungshilfe und Investitionen aus den Industrienationen rechnen. Beides zusammen dürfte dafür sorgen, dass einige der unterentwickeltsten Länder durch ihre Entscheidung gegen den Terror Anschluss an die Globalisierung finden.

Schon jetzt zeitigt der Feldzug gegen Osama bin Laden auch in ganz anderen Regionen der Welt indirekte Erfolge - beispielsweise in Zentralasien, auf dem Balkan oder in Nordirland. Ohne den 11. September, schreibt der "Economist" völlig zu Recht, hätte die IRA wohl kaum ihre Waffen niedergelegt. Wenn der nordirische Bürgerkrieg endet, werden schon bald die Investitionen in eine der ärmsten Regionen Westeuropas fließen. Das wäre dann so etwas wie die erste Friedensdividende des 21. Jahrhunderts im Kampf gegen den Terrorismus.

Auch die arabische Welt könnte mit einer solchen Friedensdividende rechnen, wenn sie sich von allen Terrorgruppen befreit. Die eigentliche "arabische Demütigung", so Eric Le Boucher in "Le Monde", liegt in der wirtschaftlichen Unterentwicklung. Sie wurzelt in der politischen Despotie und dem Terror. Nicht die Globalisierung ist verantwortlich für die Armut im islamischen Kulturkreis, sondern ihre Abwesenheit.

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