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Kommentar: Greenspan sollte noch warten

Die Fed bereitet die Zinswende vor. Doch eine zu eilige Erhöhung der Zinsen in den USA hätte negative Folgen für die Weltwirtschaft.

Die amerikanische Notenbank Federal Reserve Board hat gestern wie erwartet die Zinswende eingeläutet. Nach einer Flut von positiven Nachrichten aus der US-Wirtschaft sieht die Fed zum ersten Mal seit 15 Monaten keine akute Gefahr mehr für das Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten. Die Notenbanker um Fed-Chef Alan Greenspan glauben vielmehr, dass sich Wachstums- und Inflationsrisiken jetzt die Waage halten. Die Leitzinsen hat die Fed diesmal noch unverändert gelassen. Auf Dauer ist jedoch der hoch stimulierende Zinssatz von 1,75 Prozent mit einer sich rasch erholenden Konjunktur unvereinbar. Die US-Notenbank wird deshalb vermutlich schon bald die Leitzinsen erhöhen. Die Finanzmärkte rechnen bereits auf der Fed-Sitzung im Mai damit.

Das wäre jedoch zu früh. Alan Greenspan sollte der amerikanischen Wirtschaft eine längere Zinspause bis zum Herbst gönnen, bevor er die geldpolitischen Zügel wieder anzieht. Die positiven Konjunktursignale der letzten Wochen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Aufschwung noch auf wackligen Füßen steht.

Die Amerikaner stützen zwar mit ihrem hohen Konsum die Wirtschaft, die hoch verschuldeten Verbraucher können jedoch kaum noch zulegen. Sind die Läger der Unternehmen erst einmal wieder aufgefüllt, kann dauerhaftes Wachstum nur durch neue Investitionen entstehen. Dafür fehlt jedoch bislang der Anreiz. Die Kapazitäten sind bei weitem nicht ausgelastet, die Unternehmensgewinne haben sich noch nicht erholt. Die Chefs der US-Unternehmen beurteilen deshalb die wirtschaftliche Lage deutlich skeptischer als die Wall Street.

Zwar hat sich der Arbeitsmarkt überraschend schnell gefangen. Das Produktivitätswachstum und der anhaltende Kostendruck könnten jedoch in den kommenden Monaten zu weiteren Entlassungen führen. Zinserhöhungen bei steigenden Arbeitslosenzahlen lassen sich jedoch politisch kaum rechtfertigen.

Hinzu kommt, dass die langfristigen Zinsen bereits wieder steigen. Die Investmentbank Goldman Sachs hat ausgerechnet, dass die monetären Bedingungen für die US-Wirtschaft trotz der drastischen Zinssenkungen nur wenig besser sind als zu Beginn 2001. Damals hatte die Fed gerade erst mit der Lockerung ihrer Geldpolitik begonnen. Neben den langfristigen Zinsen sind dafür der starke Dollar und der schwache Aktienmarkt verantwortlich. Der Aufschwung wird also auch ohne Zutun der Fed gebremst. Für eine längere Zinspause spricht zudem die niedrige Preissteigerung von 1,1 Prozent. Die hohe Produktivität und der starke Wettbewerb in den USA halten die Inflation in Schach - und nehmen Greenspan die Arbeit ab.

Trotz der günstigen Rahmenbedingungen ist es keineswegs ausgemacht, dass der Fed-Chairman der Wirtschaft eine längere Atempause gönnt. Greenspan liebt es, der konjunkturellen Entwicklung vorauszueilen. Er sieht sich durch die erfolgreiche Bekämpfung der Rezession in seiner aktiven Geldpolitik bestätigt. Dass er von der Stärke und Geschwindigkeit des Aufschwungs überrascht wurde, wurmt den erfahrenen Empiriker. Es ist deshalb gut möglich, dass die amerikanische Notenbank eher früher als später die Zinsschraube wieder anzieht. Dem Aufschwung in den USA könnte dann frühzeitig die Luft ausgehen, eine neuerliche Wachstumsdelle wäre die Folge. Dazu muss es nicht kommen. Die US-Notenbank sollte sich in diesem Fall ausnahmsweise einmal ein Beispiel an der Europäischen Zentralbank nehmen. Die EZB würde mit Sicherheit abwarten.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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