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Kommentar: Harter Wind bei Sanierungen

Der derzeitige Arbeitsplatz-Abbau erschüttert die Betroffenen. Doch vordergründige Maßnahmen, die zu kurz greifen, verzögern nur den Abbau, der dann um so heftiger durchschlägt.

Wer je eine Kündigung bekommen hat, weiß, wie man sich in dieser Situation fühlt. Wenn es gilt, eine Familie zu ernähren, wenn die gesamte Branche Stellen streicht, wenn man das jugendliche Alter schon überschritten hat - dann kommt schnell die Angst vor dem sozialen Abstieg hoch.

Kein Wunder, dass Arbeitsplätze in der Politik und in vielen Unternehmen einen extrem hohen Stellenwert haben - bei den Gewerkschaften ohnehin. Wenn es kriselt bei Kirch, Holzmann oder Babcock, dann eilen Bundeskanzler oder Landesväter schnell mit besorgter Miene - meist aber auch mit leerem Geldbeutel - herbei und berufen Krisensitzungen ein. Weil der Staat die Finanzlöcher nicht stopfen kann, sollen in erster Linie die Banken den Geldhahn aufdrehen. Denn wer hat mehr Geld als die Banken?

Doch die Banken sagen immer häufiger und immer konsequenter Nein und riskieren es, dafür zum Buhmann abgestempelt zu werden. Die viel beschworene "Deutschland AG", bei der alle zusammenhalten und damit irgendwie auch marode Unternehmen über Wasser halten, ist ein Mythos mit immer weniger Realitätsgehalt.

Die deutsche Gemütlichkeit hat ein Ende, es weht ein härterer Wind. Und das ist gut so. Eine Marktwirtschaft kann nicht funktionieren, wenn der Markt immer dann, wenn es Probleme gibt, außer Kraft gesetzt wird. Man sollte dabei nicht nur diese abstrakte ordnungspolitische Ebene im Auge behalten. Auch in jedem Einzelfall ist es problematisch, wenn Banken gutem Geld schlechtes hinterherwerfen. Wenn der Schutz von Arbeitsplätzen zu vordergründig betrieben wird, kann sehr viel schief gehen. Zum einen sind die vermeintlichen Retter vor allem bei Großkonzernen zu häufig gar nicht auf die Stellen, sondern auf die Konzerne selbst fixiert. Da wird ein Unternehmen konserviert, aber die Arbeitsplätze fallen dennoch weg - oft genug auch bei der Konkurrenz, die gegen einen de facto subventionierten Anbieter Aufträge verliert.

Ein weiteres Problem: Gesunde Geschäftsbereiche werden bei einem angeschlagenen Konzern mit heruntergezogen und könnten bei einer Pleite eine bessere Heimat finden. Und noch ein Punkt: Häufig werden unrentable Stellen so lange gehalten, bis die ganz große Krise da ist und doch gekündigt werden muss. Aber wenn die Krise die gesamte Branche erfasst hat, wird es besonders schwer, bei der Konkurrenz einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

In den zweifelhaften Genuss kostspieliger Sanierungskonzepte kommen ohnehin in der Regel nur Branchen mit starker gewerkschaftlicher Organisation und großen Betrieben. In Deutschland haben sich schon ganze Branchen mit Hunderttausenden von Arbeitsplätzen, etwa die Textilindustrie, mehr oder minder still verabschiedet, weil sie in erster Linie mittelständisch geprägt waren. Für den Einzelnen ist es aber auch ein hartes Schicksal, wenn er in einem kleinen Betrieb mit wenigen Kollegen seinen Job verliert.

Fazit: Ein flexibler Arbeitsmarkt nützt nicht nur den Unternehmen. In einem Punkt darf man sich freilich keine Illusionen machen. Die Banken ändern nicht aus ordnungspolitischer Einsicht ihr Verhalten. Sie werden durch den Wettbewerb, durch den Markt, dazu gezwungen.

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