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Kommentar: In Berlin bleibt die Kirche im Dorf

Schauen wir auf diese Stadt! Mehr als 40 Jahre war Berlin der vorgeschobene Außenposten der freien Welt.

DÜSSELDORF. Seine Bürgermeister von "A" wie Alberz bis "W" wie Weizsäcker waren Ausnahmepolitiker, die auf Augenhöhe mit den Mitterands und Kennedys dieser Welt gesprochen haben. Sie regierten eine Stadt, die sich im ständigen Ausnahmezustand befand. Beobachtet vom Westen, beargwöhnt vom Osten.

Damit ist es vorbei. Auch in Berlin bleibt die Kirche im Dorf. Im gleichen Maße, wie sich die deutsche Metropole zu einer ganz normalen Hauptstadt entwickelt, hat sich seither auch die politische Garnitur entwickelt: "W" steht heute für Wowereit. Und das ist auch ganz gut so. Nicht dass die Probleme, die Berlin jetzt zu bewältigen hat, klein wären: Die Stadt muss ein Konzept für einen Großflughafen vorlegen und durchhalten. Sie braucht einen Verkehrsmix aus Individualverkehr und bezahlbaren öffentlichem Nahverkehr. Sie muss nicht zuletzt ihren Haushalt in den Griff bekommen, der unter den Ausgaben für die marode Bankgesellschaft ächzt. Doch all dies sind keine Themen von weltgeschichtlicher Bedeutung. Es sind Probleme, mit denen sich beinahe jede Großstadt herumschlagen muss. Und auch das Zusammenwachsen von Ost und West in dieser Stadt gelingt um so besser, je weniger Aufhebens von den Unterschieden gemacht werden.

Entsprechend fällt der Maßstab aus, an dem sich eine neue Regierungskoalition in Berlin messen lassen muss. Die Welt schaut längst nicht mehr gebannt auf diese Stadt. Dem Ausland ist es herzlich gleichgültig, ob Berlin von einer rot-gelb-grünen oder einer rot-roten Koalition gelenkt wird. Wichtig ist, dass Berlin vorankommt. Die Berliner wollen wissen, mit wem sie es zu tun haben. Die Unternehmen müssen wissen, womit sie zu rechnen haben. Dazu muss schnell eine tatkräftige Mannschaft ans Ruder kommen, die ihre Meinungsverschiedenheiten im Vorfeld soweit ausgebügelt hat, dass sie sich bei der Regierungsarbeit nicht gegenseitig lähmt. Wenn ein Zweierbund aus SPD und PDS dazu eher in der Lage ist als eine Ampelkoalition, dann hat auch er seine Chance verdient.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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