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Kommentar: In der Ruhe liegt die "vierte Kraft"

Am Ende waren alle froh und optimistisch. Vergessen scheinen Rechtsstreit und ständig wechselnde Fronten im Streit um den Berliner Versorger Bewag. Dieser war ausgerochen, als E.ON Energie im vergangenen Sommer die von ihr gehaltenen Anteile an der Bewag an die Hamburgische Electricitätswerke (HEW) verkaufen wollte. Das wollte der US-Miteigentümer Mirant nicht hinnehmen und pochte auf das nach seiner Meinung bestehende Vorkaufsrecht. Es folgte ein monatelanger Streit auf den unterscheidlichsten Ebenen. Das ist vorbei: Am Freitag stimmte auch der Senat von Berlin dem von den beteiligten Unternehmen ausgehandelten Kompromiss einer gleichberechtigten Führung der Bewag durch Mirant und HEW zu.

Aber warum hat es so lange gedauert, bis dieser Kompromiss zu Stande kam? Eine partnerschaftliche Führung der Bewag hatte Mirant schon im vergangenen Herbst vorgeschlagen, war aber damit zunächst bei HEW mit ihrem Mehrheitsaktionär Vattenfall AG, Stockholm, auf Ablehnung gestoßen. Wenn es nur um die Bewag gegangen wäre, wäre dieser Konflikt schnell zu lösen gewesen. Das Problem war, dass die Lösung bei der Bewag auch eine Vorentscheidung bei der Neuordnung der gesamten Energiebrache im Nordosten mit sich bringen sollte. Es ging immer auch um die ostdeutschen Strom- und Braunkohleproduzenten Veag und Laubag und die Frage, ob im Hintergrund die Schweden oder die Amerikaner das Sagen bei von den Kartellbehörden verordneten neuen Holding haben, die bislang nur als Vision am Horizont steht.

Dabei haben dann auch nicht nur Unternehmen und Wettbewerbshüter in Bonn und Brüssel ein Wort mitzureden, sondern auch die Politik. Allen voran die Minister Müller und Eichel in der Treuhand-Nachfolgerin BVS. Und die Ministerpräsidenten in Ostdeutschland, denen niemand verübeln kann, dass sie vor allem den Erhalt der nach der Restrukturierung der Betriebe noch vorhandenen Arbeitsplätze im Blick haben. Alles in allem also ein Riesenbrei, an dem viele Köche mitmachen. Damit er dennoch nicht verdirbt, bedarf es mindestens ebenso viel diplomatischen Geschickes wie betriebswirtschaftlicher Strategie.

Insofern war es zur Lösung des Konfliktes tatsächlich entscheidend, dass sich die Unternehmen irgendwann entschlossen, zunächst nur die Bewag-Problematik zu klären. Der gefundende Kompromiss dürfte die EU-Kommission und das Bundeskartellamt zufrieden stellen. Das Gespenst einer Rückabwicklung der E.ON-Fusion - von der sowieso niemand weiß, wie man sie durchführen sollte - ist verjagt. Mit Blick auf die Vierte Kraft bleibt allerdings mehr offen, als dem Senat lieb sein kann. Zwar wurde den Berlinern ein hohes Mitspracherecht beim Aufbau der "Vierten Kraft" genannten Stromholding aus Bewag, Laubag, Veag und HEW eingeräumt. Auch der Sitz der Holding wird Berlin sein.

Hätte HEW aber die Mehrheit an der Bewag bekommen, wären die Optionen für Bewag einem früheren Vertrag zufolge konkreter gewesen. Dennoch dürften vagere Aussagen nicht nur von Nachteil sein. Die beteiligten Unternehmen können nun in Ruhe an der "Vierten Kraft" bauen. Wer am Ende wieviele Anteile halten wird und ob tatsächlich ein neuer Konzern oder ein eng kooperierender Verbund dabei herauskommt, ist noch völlig offen. Wichtig ist, dass die vierte Kraft irgendwann auf einem soliden und langfristig ausgelegten Gesellschafter-Fundament mit klaren Vereinbarungen steht. Nur so kann aus der Vision tatsächlich ein schlagkräftiger Wettbewerber werden und nicht nur ein lebloser Kunst-Konzern.

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