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Kommentar: Kaum Spielraum für die USA

Auf dem südasiatischen Subkontinent stecken Amerikas Diplomaten in der Definitionsfalle

Im heiß laufenden Konflikt zwischen Indien und Pakistan nach dem Anschlag auf das Parlament in Delhi vor zwei Wochen werden die diplomatischen Fähigkeiten der US-Regierung auf eine harte Probe gestellt. Immerhin stehen sich zwei Atommächte gegenüber, was jeden Gedanken an eine gewaltsame Einmischung ausschließt.

Aber selbst ein konventioneller Krieg auf dem südasiatischen Subkontinent würde Washingtons Afghanistan-Strategie nachhaltig durchkreuzen. Denn sollte die Führung der pakistanischen Streitkräfte - berechtigt oder unberechtigt - zu der Meinung gelangen, ihre Truppen an der Grenze in Kaschmir massiv verstärken zu müssen, so würde sie ganz überwiegend auf solche Verbände zurückgreifen, die zurzeit verstärkt an der Grenze zu Afghanistan patrouillieren. Flüchtenden Kämpfern der Taliban und der El Kaida mit ihrem Chef Osama bin Laden, sollte er sich denn noch in Höhlen verschanzt haben, böten sich willkommene Schlupflöcher.

Viele Optionen bleiben der US-Regierung nicht. Der indisch-pakistanische Streit zeigt ihr die Grenzen ihrer Rolle als Weltpolizist. Sicher, die US-Regierung hat jetzt die militanten pakistanischen Organisationen Jaish-e-Mohammed und Lashkar-e-Tayyaba, die Delhi für den Anschlag auf das Parlament und für viele frühere Gewaltaktionen in Kaschmir verantwortlich macht, auf ihre Terrorliste gesetzt und folgerichtig deren Konten eingefroren. Aber diese Gruppen genießen in weiten Teilen der pakistanischen Bevölkerung nach wie vor viel Sympathie. Insofern verlangte es von Präsident Pervez Musharraf viel mehr Mut, dem Schritt der Amerikaner zu folgen.

Denn sowohl Washington als auch gerade Islamabad geben damit den Indern praktisch ein Alibi, diese Terrorgruppen notfalls auch auf pakistanischem Territorium zu verfolgen und zu bekämpfen. Dieses Recht, das sich die Amerikaner im Fall Afghanistan sogar vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen einräumen ließen, haben sie denn auch zwangsläufig den Indern bestätigt.

Mehr noch: Nach den Anschlägen in New York und Washington am 11. September hat US-Präsident George W. Bush die Parole ausgegeben, den internationalen Terror, wo immer er auch sein blutiges Handwerk betreibt, auszurotten. In letzter Konsequenz kann dies doch nur bedeuten, dass Bush auch gegen Jaish-e-Mohammed und Lashkar-e-Tayyaba martialische Operationen anordnen müsste - auch in Pakistan. Da hilft es wenig, wenn Musharrafs Regime hartnäckig jegliche militärische Unterstützung dieser Gruppen bestreitet und sie als Kämpfer für die Befreiung der Kaschmiris vom indischen Joch bezeichnet, stehen sie doch auf der schwarzen Liste.

Die Amerikaner stecken im indisch-pakistanischen Konflikt also in einer Definititons- und einer Argumentationsfalle, die sie selbst gelegt haben. Und heraushelfen können ihnen eben nur die beiden Kontrahenten. Gegenüber Pakistan haben die USA wegen dessen prompter Rückendeckung im Afghanistan-Krieg großzügige Vorleistungen erbracht. In Indien weckte dies Argwohn. Gleichwohl bekundete man Kooperationsbereitschaft. Für eine von Washington sehnlich erhoffte Mäßigung im jetzigen Streit mit Pakistan kann auch Delhi durchaus einen Preis einfordern.

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