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Kommentar: Keine neue Atomdoktrin

Seit dem 11. September befinden sich die USA im Krieg. Und zu der Logik einer Krieg führenden Nation zählt die Benennung von Kriegszielen, von Kriegsgegnern und von Methoden zu deren Bekämpfung. Das ist die Aufgabe eines Kriegsministeriums, und das hat das Pentagon getan. Aufgeschrieben in einem Geheimbericht auf Verlangen des Kongresses, bekannt geworden möglicherweise auf Betreiben höherer Stellen. Seit dem Krieg in Afghanistan, seit dem geschärften Blick auf Irak und seit der Bush-Rede von der "Achse des Bösen" ist der Pentagon-Report nur ein weiterer Mosaikstein im veränderten außenpolitischen Gesamtbild der USA. Nicht mehr.

Dass die USA kleine Nuklearbomben entwickeln, um die verheerende Wirkung von atomarer Strahlung gezielter einsetzen zu können, ist nicht neu. Schon in der Zeit des Kalten Krieges existierten sogenannte "Rucksack-Bomben", mit denen lokale Ziele atomar vermint werden konnten. Eine Schimäre ist dagegen die angebliche Zusage, dass keine Staaten nuklear angegriffen werden dürfen, die selbst keine atomaren Waffen besitzen. Nie hatten sich die USA zu einer solchen Garantie rechtlich verpflichtet - auch wenn diese Forderung politisch immer wieder aufgestellt worden war. Und dass schließlich neben den bekannten "Schurken" Irak, Nordkorea und Iran nun auch Syrien, Libyen, Russland und China als potenzielle Kriegsgegner benannt werden: Wer hatte im Ernst geglaubt, die amerikanischen Militärs würden angesichts der politischen Unwägbarkeiten in diesen Ländern diese Zielkoordinaten ihrer Langstreckenraketen dauerhaft löschen?

Nein, die europäische Empörung über die Inhalte des Pentagon-Berichts ist unnötig. Aber sie zeigt, wie schlecht es um das transatlantische Verhältnis derzeit bestellt ist. Ohne genauer hinzusehen, trauen die Europäer den USA inzwischen nahezu jede militärische Grausamkeit zu, wenn es denn dem Schutz vor dem Terror dient. Und die USA bedienen dieses Klischee im Überfluss: Mit martialischer Rede, durch arrogante Nichtbeachtung der Partner und durch die simple Klassifizierung der Erdbevölkerung in "good guys" und "bad guys".

Selten haben Europa und die USA einander so wenig begriffen wie derzeit: Während in Amerika auch sechs Monate nach den Anschlägen die Debatte über "Homeland security" auf vollen Touren läuft und der Verteidigungsetat des Landes nie gekannte Höhen erreicht, diskutieren etwa die Deutschen über den Kölner Spendensumpf, über die Arbeitsmarktstatistik und den Aufbau Ost. Genau darin aber liegt eine der Wurzeln für das Unverständnis. Hierzulande wurde der 11. September relativ zügig als tragisches Ereignis abgebucht, nach dem man wieder zur Tagesordnung übergehen müsse. In den USA aber markieren die Anschläge eine Zäsur. Wenn der nach den Attentaten abgegriffene Satz, dass nun nichts mehr so sein werde wie es war, auf einen Ort wirklich zutrifft, dann ist das die USA, nicht aber Europa. Einzig vor diesem Hintergrund erklärt sich die Washingtoner Politik und auch so manches militärische Säbelrasseln dort.

Doch anders als früher kann diese asymmetrische Debatte diesmal zu einer langfristigen Entfremdung führen. Die Alleingänge der USA verschieben schon jetzt die bislang gültige Wertschätzung. Ganz selbstverständlich reist Vizepräsident Dick Cheney nicht nach Europa, sondern streift lediglich London, bevor er vor allem Zeit in Nahost und dem arabischen Raum verbringt. Noch immer gilt im Weißen Haus das Wort von der Mission, welche die Koalition definiert. Und für diese Koalition spielen die Europäer praktisch keine Rolle.

Im Gegenteil: Im Zweifel stört ihre Vielstimmigkeit, ihre Umständlichkeit - und ihre Nachdenklichkeit. Deshalb will man sie in der Irak-Frage auch gar nicht erst im Boot haben. So ist man nett zu ihnen, aber vertraut vor allem sich selbst. Wie in einem Krieg.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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