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Kommentar: Kleineres Übel

So paradox es klingen mag: Argentinien befindet sich am Rande der Zahlungsunfähigkeit, weil die Märkte damit rechnen, dass sich das Land am Rande der Zahlungsunfähigkeit befindet. Das sind die Gesetze des Marktes, und auch ein Domingo Cavallo wird diese Kausalitäten nicht aushebeln können. Da hilft alles Poltern des argentinischen Wirtschaftsministers gegen Spekulanten, Ökonomen und Investoren nichts. Im Gegenteil: Der 54-jährige Harvard-Ökonom hat mit seinen interventionistischen und neoprotektionistischen Maßnahmen einiges dazu beigetragen, dass internationale Investoren von einem Zahlungsausfall überzeugt sind.

Der Internationale Währungsfonds hat jetzt einen für Dezember geplanten Kredit gestoppt und damit dem ohnehin unausweichlich Scheinenden einen Termin gesetzt: Bis zum Ende des Jahres, so schätzen Experten, wird Argentinien seine Auslandsschulden nicht mehr bedienen können. Schon seit längerem hängt über dem Land am Rio de la Plata das Damoklesschwert des Bankrotts.

Der Währungsfonds taugt daher schwerlich als Sündenbock. Dennoch setzt der IWF mit seiner Kreditverweigerung ein überraschend deutliches Signal. Das finanzielle Engagement des Währungshüters soll reduziert und der private Sektor mehr in die Pflicht genommen werden. So lautet die neue Devise der neuen Kreditvergabepolitik nach dem Amtsantritt von IWF-Chef Horst Köhler. Vor allem die Amerikaner bestanden darauf, dass der Währungsfonds nicht mehr dafür missbraucht werde, um Anlegern aus der Patsche zu helfen. Schließlich würden private Kreditgeber in den Schwellenländern mit hohen Renditen belohnt. Bislang war von diesem neuen Credo wenig zu spüren. Sowohl Argentinien als auch die Türkei wurden in diesem Jahr auf Anfrage weiterhin mit Krediten überschüttet. Damit scheint jetzt Schluss zu sein - der IWF demonstriert Konsequenz.

Trotzdem geht der IWF ein enormes Risiko ein, gerade an Argentinien ein Exempel seiner neuen Linie zu statuieren. Nicht nur, dass einer der größten Zahlungsausfälle in der Finanzgeschichte damit unumkehrbar scheint. Argentinien vereint zudem ein Fünftel aller Emerging-Market-Bonds auf sich. Ein Flächenbrand in den Schwellenländern kann somit nicht ausgeschlossen werden. Zwar weisen Finanzmarktexperten immer wieder darauf hin, dass die globale Finanzarchitektur weitaus robuster sei als bei der letzten Finanzkrise 1997/98. Doch außer Acht gelassen werden darf keinesfalls, dass sich derzeit die großen Wirtschaftsblöcke USA, Japan und Europa gleichzeitig in einer Rezession befinden. Die Neigung von Investoren, sich in sichere Häfen zurückzuziehen, ist daher umso größer.

Dennoch blieb dem IWF im Falle Argentinien kaum eine andere Wahl. Ein neuer Kredit hätte lediglich eine Konsequenz um einige Monate aufgeschoben, die bei der jetzigen Wirtschaftslage des Landes zwingend erscheint: eine Aufhebung der Währungsbindung an den US-Dollar. Denn Argentinien hat nicht nur kurzfristige Liquiditätsprobleme, sondern steckt in einer langfristigen Rezessions- und Schuldenfalle. Ursache hierfür ist vor allem die feste Bindung an den Dollar. Sie beraubt Argentinien der Möglichkeit einer eigenständigen Geldpolitik. Staatsdefizite müssen ausschließlich über den internationalen Kapitalmarkt finanziert werden, und die starke amerikanische Währung nimmt argentinischen Produkten jegliche Wettbewerbsfähigkeit. Zwar würden die Lösung der Dollarbindung und die zwangsläufige Abwertung des Pesos die meist an den Dollar gekoppelten Schulden Argentiniens zunächst in die Höhe schießen lassen. Dennoch ist es wirksamer, jetzt die Abwertungsfolgen abzufedern, als langfristig IWF-Kredite in ein marodes System zu pumpen.

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