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Kommentar: Die Riester-Rente ist gut für die Börse

Gute Nachricht in schwierigen Zeiten: Die zuletzt stark gebeutelten europäischen Aktienmärkte machen bald eine Fitnesskur, die es in sich hat. Der jetzt beschlossene Einstieg in die kapitalgedeckte Altersvorsorge stellt nicht nur die künftige Alterssicherung in der Bundesrepublik auf stabilere Beine; er verspricht zugleich über Jahre hinweg einen kontinuierlichen Zufluss von Kapital in die Finanzmärkte. Das Geld kann gerade der Aktienmarkt gebrauchen. Zugegeben, die Auswirkungen werden nicht von heute auf morgen zu sehen sein. Aber darauf kommt es auch nicht an: Viel wichtiger ist es, dass die Anleger im Laufe der Zeit wieder mehr Zuversicht, mehr Optimismus zeigen und neue Hoffnung schöpfen.

Ein Auslöser hierfür kann die Riester-Reform sein. Denn die Finanzbranche wird in den nächsten Wochen und Monaten die Werbetrommel für ihre Vorsorgeprodukte rühren und damit gleichzeitig auch Werbung für die Aktie machen.

Künftig sammeln (Pensions-)Fonds und Versicherungen Jahr für Jahr Milliarden ein. Die wollen angelegt sein. Dass Aktien hierbei eine wichtige Rolle spielen werden, steht außer Frage. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Dividendenwerte langfristig eine deutlich höhere Rendite abwerfen als Anleihen. Kurzfristig können die Erfahrungen jedoch durchaus schmerzlich sein, wie viele Aktienbesitzer im vergangenen Jahr erfahren mussten. Doch bei der Altersvorsorge zählt die lange Sicht. Und hier werden Übertreibungen ausgeglichen - das gilt sowohl für extreme Gewinne als auch für starke Verluste.

Die Entscheidung für die Rentenreform ist zugleich eine Entscheidung für eine Aktienkultur in Deutschland, die diesen Namen verdient. Bereits die Teilprivatisierung der Deutschen Telekom im Jahr 1996 hatte die Basis dafür gelegt. Breite Massen von Bundesbürgern setzten sich erstmals intensiv mit der Aktie, den Vor- und Nachteilen dieses Risikowertpapiers auseinander. Trotzdem wird die Aktie bislang noch in starkem Maß als Spekulationsobjekt angesehen. Mit dem Start der privaten Altersvorsorge bekommt diese Entwicklung aber eine neue Dynamik. Es stehen nicht mehr kurzfristige Gewinne im Vordergrund, Ziel ist vielmehr die langfristige Anlage, um den eigenen Lebensabend abzusichern. Dieses Umdenken vieler Anleger haben die Beispiele USA und Großbritannien gezeigt. Mit der Einführung privater Pensionspläne in den Ländern in den achtziger Jahren kam es dort zu einem Aktienboom. Gleichzeitig rückte das langfristige Investment in den Mittelpunkt.

Auf deutsche Aktien wird jedoch nur ein Teil der Zigmilliarden entfallen, die im Laufe der Jahre angespart werden dürften. Zur Risikostreuung ist die Anlage auch in anderen Ländern notwendig. Doch das ist kein Grund zur Trauer. Denn die Reform hier zu Lande ist ein politisches Signal für andere große Länder in Europa, dass sie ebenfalls etwas tun müssen, um ihr System der Altersvorsorge auf mehrere Beine zu stellen, damit es in den nächsten Jahrzehnten nicht zu einem bösen Erwachen kommt. Das gilt etwa für Frankreich. Wenn die Nachbarländer ebenfalls ihre Portfolios streuen, wirkt sich dies positiv auf den deutschen Aktienmarkt aus.

Für Millionen von Arbeitnehmern bedeutet die Reform auch eine Herausforderung. Zwar können sie von dem bislang größten staatlichen Förderpaket profitieren, das es für die private Altersvorsorge je gab; allerdings wird in den nächsten Monaten eine Flut von Angeboten über sie hereinbrechen. Hier gilt es, kühlen Kopf zu bewahren und die Offerte auszuwählen, die auf die persönliche Lebenssituation am besten zugeschnitten ist.

Robert Landgraf
Robert Landgraf
Handelsblatt / Chefkorrespondent Finanzmärkte
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