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Kommentar: Lieber den Spatz in der Hand

Der fast einjährige Abschwung der Technologiewerte hat auch sein Gutes. Er rückt die Dimensionen zurecht.

Manchmal kommt das Unheil langsam, und dann wird man es auch so schnell nicht wieder los. Es wäre ja schön gewesen, wenn sich der Kursaufschwung bei den Technologieaktien in diesem Jahr beschleunigt hätte. Doch ernsthaft damit rechnen durften Anleger nicht. So hat die amerikanische Wachstumsbörse Nasdaq zwar den ganz steilen, kurzfristigen Abstieg hinter sich gelassen. Doch damit ist noch keineswegs das Tal in Sicht. Solch einen Crash wie im vergangenen Jahr bei High-Tech-Aktien bewältigen die Märkte nicht von heute auf morgen. Wer in diesem Niedergang viel Geld verloren hat, betrachtet die Welt der Aktien nun womöglich mit ganz anderen Augen. Hundert Prozent in einem Jahr werden nun womöglich schon als Phantasterei abgetan. Stattdessen sind viele Anleger nun sicher froh, wenn sie auf ihren Einsatz im Durchschnitt zehn Prozent pro Jahr erwirtschaften.

So betrachtet hat der fast einjährige Abschwung auch sein Gutes. Er rückt die Dimensionen zurecht. In der Boomphase am Neuen Markt und an der Nasdaq schien das Geldverdienen, gar das Reichwerden, denkbar einfach zu sein. Das ist es nicht und war es - erfahrungsgemäß - auch nie. Solche Boomphasen nimmt der Anleger gerne mit, aber er darf nicht ernsthaft und vor allem dauerhaft mit ihnen rechnen. Ein gehöriger Schuss Skepsis gegenüber den Börsen und die Disziplin, rechtzeitig Gewinne mitzunehmen und auszusteigen, sind für den dauerhaften Börsenerfolg entscheidend. Hinzu kommt der richtige Umgang mit Verlusten. Wer es schafft, seine Verluste gering zu halten, legt damit die Basis für seinen Börsenerfolg. Das heißt in der Praxis: Ziele setzen und eine Ausstiegsmarke (Stop Loss) für den Notfall definieren, wenn die eigene Strategie - aus welchen Gründen auch immer - nicht aufgegangen ist. Keine Frage, es ist alles andere als einfach, dies durchzuhalten. Und wer noch zweifelt, der rechne sich das einmal an einem Beispiel durch: Etwa der Noch-Volksaktie Deutsche Telekom. Was wäre gewesen, wenn man bei 100, 90, 80 oder 70 Euro ausgestiegen wäre? Selbst 60 oder 50 Euro sind aus heutiger Sicht tolle Kurse. Wann die T-Aktie die wohl wieder erreichen wird? In ein paar Jahren vielleicht. Doch bis dahin wäre das eigene Geld woanders sicherlich ertragreicher angelegt. Und sicherer.

Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Diese Weisheit gilt derzeit mehr denn je. Anleger besinnen sich wieder auf Sicherheit und backen kleine Brötchen. Dafür muss man noch nicht einmal in Rentenpapiere oder Immobilien ausweichen. Beide Anlagevarianten sind unbedingt eine Alternative. Doch auch an den Aktienmärkten machen vorsichtige Anleger ihr Geld. Es lohnt sich zum Beispiel immer wieder, Standardaktien auf ihre Dividendenrendite hin zu durchforsten. Der Daimler-Chrysler-Kurs mag ja kräftig gefallen sein. Doch wer langfristig denkt, dem müssen deshalb keine grauen Haare wachsen. Denn der Autohersteller will seine Ausschüttung halten. Wenn er dies schafft - und bei großen Konzernen ist dies realistisch - kommen im Jahr derzeit immer noch vier Prozent heraus. Wenn der Kurs wieder fiele, somit die Dividendenrendite wieder über fünf Prozent stiege, wird eine Dax-Aktie wie diese sogar attraktiver. Verkehrte Welt, wohl wahr. Richtige Freude kommt natürlich erst auf, wenn die Kurse der Standardaktien auch dauerhaft steigen. Bis dahin sind Anleger wenigstens nach unten abgesichert.

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