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Kommentar: Mit Vorsicht zu genießen

So was hat Seltenheitswert in der feinen Finanzwelt, wo man anderen ungern offen vor s Schienbein tritt: In New York erregt gerade das Geldhaus Prudential Securities Aufsehen, nur weil es auch mal zum Verkauf einer Aktie rät. Häufig sind Aktiengesellschaften, die von Banken bewertet werden, gleichzeitig deren Kunden. Und wer ärgert schon gerne seinen Partner mit negativen Urteilen? Das gilt auch, wenn keine Geschäftsbeziehungen bestehen. Denn was nicht ist, kann ja noch werden.

Beispiel Telekombranche: Die großen Unternehmen planen milliardenschwere Börsengänge ihrer Mobilfunktöchter, und das Fusionskarussell kann jederzeit in Bewegung geraten. Für die Banken winken lukrative Aufträge. Kritische Branchenstudien sind daher rar, trotz der enormen Schulden vieler Telekomkonzerne und der wackligen Aussichten des künftigen Mobilfunkstandards UMTS.

Andererseits müssen die Banken auch an eine zweite wichtige Kundengruppe denken - die Manager der großen Investmentfonds. Diese tätigen ihre Wertpapiergeschäfte dort, wo sie den besten Service und die besten Analysen bekommen. Doch die Fondsprofis ärgern sich zunehmend über allzu große Rücksichtnahme der Banken auf deren Firmenkunden.

Die Kreditinstitute üben täglich den Spagat zwischen Unternehmens- und Investoreninteressen. Angeblich arbeiten Investmentabteilungen und Analysesparten strikt getrennt durch so genannte chinesische Mauern, die keine sensiblen Informationen und Einflüsse durchlassen sollen. Doch in der Praxis fördert häufig ein Analyst erst beim Börsengang mit seinen Argumenten den Aktienverkauf, um dann später sein Anlageurteil über das gleiche Unternehmen abzugeben. Wundert sich da noch jemand, dass es kaum Verkaufsempfehlungen gibt?

Eine dritte Kundengruppe - nämlich die Privatanleger - spielte im Kalkül der Banker bislang kaum eine Rolle. Das rächt sich jetzt. Die geballte Wut vieler Anleger, die sich auf euphorische Kursprognosen verlassen haben, hat die Finanzszene aufgeschreckt. Mit der steigenden Zahl von Aktionären in Deutschland geraten die Banken zudem verstärkt ins Blickfeld von Öffentlichkeit und Politik.

Die Banken werden bei ihrer Analysearbeit ein neues Interessengleichgewicht finden müssen. Überraschend selbstkritische Äußerungen führender Bankmanager zeigen, dass hinter den Kulissen längst ein Umdenken begonnen hat. Am Anfang steht dabei eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Unmut der Privatanleger. Die lapidare Aussage, Analystenstudien seien ohnehin nur für Profis bestimmt, trägt nicht: Wer Aktien offiziell zum Kauf empfiehlt, darf sich nicht wundern, wenn Privatanleger sich daran orientieren.

Aber auch Privatanleger müssen sich daran gewöhnen, Anlageurteile mit Vorsicht zu genießen und Analysten als das zu nehmen, was sie sind - gut informierte, aber selten völlig unabhängige Experten. Eine Faustregel: Jede Herabstufung, auch von "kaufen" auf "akkumulieren", stellt ein Warnsignal dar. Das ist im Übrigen weder sehr verwerflich noch ungewöhnlich. Man sollte es nur wissen.

Wissen sollte man auch, was hinter den scheinbar mutigen Verkaufsurteilen von Prudential steckt: Das Haus braucht kaum noch Rücksichten zu nehmen, weil es kürzlich weitgehend aus dem Investment-Banking ausgestiegen ist.

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