Kommentar
Neue Ordnung

Ob George W. Bush ein wirklich großer Präsident wird, entscheidet sich in diesen Tagen. Wie keinem seiner Vorgänger erschließt sich ihm die Gelegenheit, einen prägenden Einfluss auf eine Neuordnung dieser Welt zu nehmen.

Ob George W. Bush ein wirklich großer Präsident wird, entscheidet sich in diesen Tagen. Wie keinem seiner Vorgänger erschließt sich ihm die Gelegenheit, einen prägenden Einfluss auf eine Neuordnung dieser Welt zu nehmen. Die noch fragile Allianz gegen den internationalen Terrorismus könnte zu einer wirkliche Nationengemeinschaft heranreifen, deren Fundament politische und wirtschaftliche Ziele bilden, die über die Terrorbekämpfung hinaus reichen.

Kein Zweifel: Tiefe Gräben scheinen plötzlich überbrückbar. Russlands Präsident Wladimir Putin erinnert an das Ende des kalten Krieges und drängt in die Nato. Die spinnefeindlichen Nachbarn Pakistan und Indien sitzen plötzlich in einem Boot, zentralasiatische Staaten öffnen ihre Basen für amerikanische Militäreinheiten und die arabischen Nationen finden sich zum Schulterschluss mit Washington ein. Selten zuvor haben sich so viele Staaten hinter eine Aufgabe gestellt.

Aus der Bekämpfung des internationalen Terrorismus kann indes mehr erwachsen. Dazu bedarf es freilich einer behutsamen Regie aus den USA und genauer Vorstellungen über den Charakter einer neuen Weltordnung. Sie darf nicht zum Spielball Washingtons werden, sondern muss die politische, wirtschaftliche und kulturelle Vielfalt der Völker widerspiegeln. Aber Amerika kann eine Führungsrolle übernehmen.

Mit jedem Tag, der seit den Terroranschlägen vergeht, sind sich die Amerikaner darüber stärker im Klaren. Wie sonst ist zu erklären, dass sich die USA nun auch Gedanken über ein Uno-Mandat zum Kampf gegen den Terrorismus machen. Eine Erklärung leitet sich aus der Erkenntnis ab, dass die Anti-Terror-Allianz so breit wie möglich anlegt sein muss, damit sie ihre Ziele nicht verfehlt. Dabei muss Washington höllisch aufpassen, dass es das neue Vertrauen nicht durch sinnlose Militäraktionen aufs Spiel setzt.

Der Terror kann allerdings nicht die einzige Klammer für eine Neuordnung der Welt bieten. Die krassen Wohlstandsunterschiede zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern, die im Wechselbad von Börsenboom und Finanzkrise, stark gelitten haben, bieten wenig Raum für Belastungstests eines neuen Ordnungsrahmens. Auch hier gilt: "America first" ist kein schlüssiges Leitmotiv. Das müssen die Strategen in Washington beispielsweise bedenken, wenn sie nun in die entscheidenden Verhandlungen über eine neue Welthandelsrunde gehen.

Die Liberalisierung des Welthandels kann ein Instrument für eine gerechtere Verteilung des Wohlstandes sein. Und davon profitiert in erster Linie die Dritte Welt. Sie von der Notwendigkeit einer neuen Runde zu überzeugen gelingt aber nur, wenn USA - und Europa - nicht nur transatlantische Zwistigkeiten zur Nebensache erklären, sondern bereit sind, ihre Märkte stärker für Produkte aus Entwicklungsländern öffnen. Auf die Stimme Amerikas wird es in diesem Prozess entscheidend ankommen.

Eine neue Weltordnung schaffen heißt auch, die Strukturen der internationalen Organisationen zu überdenken. Die Vereinten Nationen betrifft das ebenso wie die Nato oder die Zusammensetzung erlauchter Klubs wie der G7-Gruppe. Die Welt besteht nicht nur aus den Reichen und Mächtigen. Wirkliche Führungskunst besteht darin, Staaten wie China und Russland, Brasilien oder Indien zu integrieren und sie mitverantwortlich für die Zukunft der Welt zu machen. Das schafft Sicherheit und Vertrauen. George W. Bush kann das in seinem Ansatz gescheiterte Werk seines Vaters fortsetzen. Der hat es versäumt seinen Anspruch an eine "neue Weltordnung" vor zehn Jahren mit einem schlüssigen Konzept zu unterfüttern. Bush junior darf diese Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen.

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