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Kommentar: Papier ist geduldig

Was auf dem Petersberg gelang, ist beeindruckend. Doch der Lackmustest für die afghanische Übergangsregierung kommt erst noch.

Mit großer Verantwortung im Gepäck reisen die Mitglieder der künftigen Interimsregierung von der Afghanistan-Konferenz in Königswinter zurück nach Kabul. Frieden schaffen in Afghanistan lautet ihr Auftrag - wahrhaft eine Sisyphus-Aufgabe. Der Petersberg mag eingehen in die Geschichtsbücher Afghanistans als jener Ort fernab ihres vom Krieg zerrissenen Landes, an dem ein kleines Wunder gelang: die höchst zerstrittenen ethnischen, religiösen und politischen Fraktionen des Landes zur Absegnung eines Dokuments zu bewegen, das eine historische Wende für Afghanistan bewirken könnte. Aber es kann alles auch ganz anders kommen.

Papier ist geduldig. Das kann man von den Warlords und Stammesfürsten am Hindukusch jedoch beileibe nicht behaupten. Sie aber müssen in den kommenden Monaten zur Aufgabe ihrer Macht bewegt werden. Das wird der erste Lackmustest für die Macht der Übergangsregierung. Ob das Petersberger Abkommen lange Bestand haben wird, ist daher noch fraglich. Es gab bereits etliche Friedensverträge für Afghanistan, die, kaum dass die Tinte getrocknet war, bereits reif für den Schredder waren. Die Vereinten Nationen werden in den nächsten Monaten in Afghanistan ebenso viel Geschick und Geduld aufbringen müssen wie auf dem Petersberg, damit im Jahr 2004 tatsächlich die ersten freien Wahlen abgehalten werden können.

In dieser kritischen Phase wird sich auch erweisen, ob die Vereinbarungen wirklich auf dem freien Willen der Afghanen selbst beruhen. Im Verlauf der Konferenz haben die Uno, die USA, Deutschland und etliche "neutrale Beobachter" jedenfalls so kräftig mitgemischt, dass kaum noch die Rede von einer rein afghanischen Lösung sein kann. Dem taktischen Gespür des Uno-Sonderbeauftragten Lakhdar Brahimi ist sicherlich zu einem Gutteil zu verdanken, dass es überhaupt zu einem versöhnlichen Abschluss gekommen ist. In Kabul wird Brahimi jedoch auf andere Begleitumstände stoßen. In der rauen Wirklichkeit eines Landes, das eine Friedensordnung aufbauen soll, während in weiten Landesteilen noch erbittert gekämpft wird, herrschen beileibe nicht jene feinen diplomatischen Sitten wie im Petersberger Nobelhotel.

Daher wird es jetzt unumgänglich sein, so schnell wie möglich eine starke Friedenstruppe aufzubauen. Denn aus eigener Kraft wird der Friedensprozess in Afghanistan nicht an Dynamik gewinnen. Das haben bereits die vergangenen Tage gelehrt. Diese Uno-Truppe muss mit einem robusten Mandat ausgestattet werden und die operative Unterstützung auch jener Staaten erhalten, die bislang noch vor einem direkten Einsatz zurückgescheut sind. Dabei fällt Deutschland fast automatisch eine tragende Rolle zu. Das hat Bundeskanzler Schröder richtig erkannt.

Wer so ins außenpolitische Rampenlicht drängt wie die Bundesregierung und gleich mit einem Konferenz-Doppelschlag den Anspruch erhebt, bei der Neuordnung am Hindukusch ein gewichtiges Wort mitzureden, kann sich einfach nicht aus der Verantwortung stehlen, wenn es um haarigere Aufgaben geht - weder finanziell noch logistisch. Deutschland genießt hohe Wertschätzung in Afghanistan und ist nicht durch koloniale Vergangenheit belastet. Ihre Glaubwürdigkeit behält die Bundesregierung nur durch eine aktive Beteiligung am Friedens- und Wiederaufbauprozess: mit Experten, mit Geld und mit Soldaten. Daher könnte es sehr wohl sein, dass auf der Einsatzkarte für deutsche Soldaten im Ausland bald auch der Name Afghanistan auftaucht. Und diesen Einsatz können nicht einmal die Grünen verweigern.

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