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Kommentar: Peinliche Kandidatenkür

Das monatelange Theater um die Wahl eines neuen Intendanten zeigt: Das ZDF liegt weiter fest im Würgegriff der Parteien. Das muss sich ändern.

Der neue ZDF-Intendant Markus Schächter brachte es wenige Minuten nach seiner Wahl auf den Punkt: Das Kandidatenkarussell habe sich "in eine Achterbahn und oft in eine Geisterbahn" verwandelt. Seit einem halben Jahr kämpften die Parteien ganz unverhohlen um die Macht in Europas größter Fernsehanstalt. Sollte aus dem konvervativen, Kirch-freundlichen Zweiten tatsächlich ein Bertelsmann-naher, SPD-geführter Sender werden?

Am Ende blieb in Mainz alles beim alten. Mit dem gebürtigen Pfälzer Markus Schächter, seit vier Jahren Programmdirektor, setzte sich die konservative Mehrheit im Fernsehrat, aber auch der scheidende ZDF-Intendant Dieter Stolte durch. Bei der Wahl ging es nicht um den fähigsten Manager für den Sender mit über 3 000 Angestellten und einem Jahresetat von 1,7 Mrd. Euro. Der kleinste gemeinsame Nenner war entscheidend. Die peinliche Kandidatenkür hat im grellen Medienlicht schmerzhaft vorgeführt, wie groß der Reformbedarf in Mainz tatsächlich ist.

Es ist Zeit für einen Neuanfang in der "TV-Anstalt". Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Wolfgang Clement fordert daher in enger Absprache mit seiner Kieler Amtskollegin Heide Simonis einen neuen Staatsvertrag für das Zweite. Der NRW-Chef will den Sender endlich aus dem Würgegriff der Parteien entreißen und Parteien- bzw. Regierungsvertreter aus dem 77-köpfigen ZDF-Fernsehrat verbannen. Unternehmerisches Handeln soll auch bei den Öffentlich-Rechtlichen Einzug halten.

Die Chancen, dass ein solcher Vorschlag tatsächlich die 16 Länderparlamente erfolgreich passiert, sind eher gering. Nach dem Sieg der Konservativen bei der ZDF-Wahl vom Samstag ist bei der Union der Bedarf an Reformen gering.

Trotz der schlechten Erfolgsaussichten wird der politische Vorstoß aus Düsseldorf hoffentlich eine Debatte über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk anstoßen. Der Parteienproporz schnürt nicht nur dem ZDF, sondern auch ARD-Anstalten wie WDR und BR die Luft zu atmen ab.

Ungeachtet der politischen Debatte hat der neue Intendant viele Hausaufzugaben zu erledigen. Das ZDF besitzt eine zu alte Zuschauerschaft. In Ostdeutschland verfügen die Mainzer über eine geringe Akzeptanz. Das Programm gilt als verstaubt, die Produktionsmethoden als antiquiert. Wenn Dieter Stolte am 14. März das Steuer auf dem Traumschiff an den 52-jährigen Schächter weiter gibt, warten auf die neue Führungsmannschaft große Aufgaben.

Schächter wird sich erstmals als oberster Sparer und Erneuerer etablieren müssen. Seine Träume von einer Senderfamilie nach dem Vorbild von RTL lassen sich angesichts knapper Finanzen und vieler Baustellen wohl kaum in nächster Zeit verwirklichen. Hinter vorgehaltener Hand wird bereits gefragt: Zu was eigentlich noch ZDF? Der neue Intendant muss darauf eine gute und dauerhafte Antwort finden.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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