Archiv
Kommentar: Psychogramm eines Psychopathen

Seit der Veröffentlichung des Videos kann es keinen Zweifel mehr an der Schuld Osama bin Ladens geben. Die arabische Öffentlichkeit beeindruckt das aber wenig.

Seine früheren Fernsehauftritte waren das Ergebnis einer feindramaturgischen Selbstinszenierung: Osama bin Laden gab sich als Mischung aus Gotteskrieger und Mullah, arabischer Intellektueller und saudi-arabischer Prinz. Das Video, das jetzt durch die Amerikaner in die Öffentlichkeit gelang ist, zeigt den Terroristen, wie er wirklich ist: Ein brandgefährlicher und grenzenlos eitler Psychopath, der kichernd über seine terroristischen Erfolge schwadroniert, ohne auch nur einen Gedanken an die über 3 000 Opfer seiner Anschläge in den USA zu verschwenden. Trotz ständig griffbereiter Kalaschnikow sicherlich kein mutiger Mudschahedin, sondern ein feiger Schreibtischtäter, der sich über seine eigenen Selbstmordattentäter lustig macht.

In Europa und den USA wird das Video seine Wirkung nicht verfehlen. Was aber ist mit der arabischen Welt? Gerade aus den arabischen Ländern wurden seit dem 11. September geradezu gebetsmühlenartig "Beweise" für die Schuld Osama bin Ladens gefordert. Werden sich die Menschen dort nun überzeugen lassen, wie US-Präsident Bush hofft? Das muss bezweifelt werden. Leider denken viele Muslime in Freund-Feind-Kategorien, die sich einer rationalen Beweisführung völlig entziehen. Das Weltbild vieler Araber wird von der fixen Idee einer "amerikanisch-zionistischen Verschwörung" beherrscht. Wo der Westen immer weitere Beweise für die terroristischen Untaten erblickt, sehen diese Muslime nur immer raffiniertere Täuschungsmethoden amerikanischer und israelischer Geheimdienste. Selbst seriöse Medien wie beispielsweise die ägyptische Tageszeitung "Al-Ahram" oder die pakistische "Dawn" verstricken sich in ihren Kommentaren immer wieder in irrationale Verschwörungstheorien. Vor allem die judenfeindlichen Ressentiments sind so stark, dass sie das Denken ganzer Intellektuellengenerationen in der arabischen Welt vergiften. Osama bin Laden ist für die meisten dieser Menschen zwar kein strahlender Held, aber auch nicht der gemeine Verbrecher, den wir in ihm sehen.

Was kann der Westen dagegen tun? In Wahrheit nicht viel. Beharrliche Aufklärungsarbeit, zum Beispiel auch durch die westlichen Kulturinstitute, mag langfristig helfen. Ein stärkerer Dialog zwischen westlichen und arabischen Intellektuellen tut not. Auch die christlichen Kirchen wären gut beraten, wenn sie mit moderaten muslimischen Theologen mehr diskutieren würden. Aber auch das wirkt, wenn überhaupt, nur langfristig. Kurzfristig werden wir damit leben müssen, dass nichts das von Hass verzerrte Bild Amerikas, Israels und westlicher Werte korrigieren kann. Gerade deshalb aber gilt: Wir sollten uns in unserer Entschlossenheit, den Terrorismus zu bekämpfen, nicht durch falsche Rücksichtnahmen auf die "Stimmung in der arabischen Welt" bremsen lassen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%