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Kommentar: Putin lädt Bush zum Kuhhandel ein

Der Deal schien beiden zu verlockend, um ihn auszuschlagen: En passant einigten sich US-Präsident Bush und sein russischer Gegenpart Putin am Rande des G8-Gipfels, den Zwist um den US-Raketenabwehrschirm NMD beizulegen. Man wolle künftig "im Paket" über offensive Waffen - sprich atomare Abrüstung - und defensive Waffen - sprich NMD - verhandeln.

Zu dieser Wende kam es, weil Bush wie Putin für sich Vorteile erkannten: Der Amerikaner rückt seinem Lieblingsprojekt NMD ein gutes Stück näher, und der Kremlchef sieht Chancen, in der Endabrechnung gut abzuschneiden - selbst wenn er jetzt wie der Verlierer aussieht.

Denn auch wenn Putin daheim wieder zurückruderte und nur einen Fortschritt, aber keinen Durchbruch sieht, ist damit klar: Der Kremlherr gibt seinen Widerstand gegen den Raketenschirm auf und beerdigt damit auch den bilateralen Vertrag zur Begrenzung der Raketenabwehr (ABM) von 1972, den die Russen bislang hartnäckig als Basis aller Abrüstungsverträge verteidigten.

Putin ist aber nicht nur Pragmatiker, der die Aussichtslosigkeit des Widerstandes gegen den Raketenschirm längst erkannt hat, sondern auch Taktiker. Zunächst verbucht er für sich, nun mit Bush von gleich zu gleich über die so pompös angekündigte "Sicherheitsarchitektur für das 21. Jahrhundert" zu verhandeln. Zweitens punktet der Kremlherr bei seinem Kreuzzug gegen die Nato. Direkt vor Genua hatte Putin noch einmal dargelegt, die Nato sei als Relikt des Kalten Krieges überflüssig. Weil ihre Auflösung aber nicht auf der Agenda stehe, habe man die Optionen, Russland in das Bündnis aufzunehmen oder mit Moskau eine völlig neue Sicherheitsorganisation zu gründen.

Beide Varianten haben Charme - nicht zuletzt, weil eine endgültige Aussöhnung des Westens mit Russland auch einen gewaltigen wirtschaftlichen Impuls auslösen würde. Doch wie realistisch ist ein Militärbündnis von San Francisco bis ans Japanische Meer? Politisch wäre es durchaus möglich, doch stehen eine Reihe "technischer" Probleme im Wege. Schließlich ist die Nato eine militärische Allianz unter US-Oberkommando. Die Integration der Neumitglieder Polen, Ungarn und Tschechien ist schwierig genug; der Einbezug der maroden russischen Armee ist kaum möglich.

Eine solche Nato der Zukunft müsste also eine völlig neue Organisation sein, mit neuer Struktur und neuen Aufgaben. Statt der Verhinderung eines Weltkrieges ginge es um die Prävention regionaler Krisen. Das hierfür in Europa bislang kein taugliches Instrument existiert, beweist der Balkan ständig aufs Neue. Eine solch radikale Veränderung bleibt aber noch auf lange Zeit Utopie.

Gerade darum erlaubt sich Putin, mit der Idee eines Nato-Beitritts zu spielen, tatsächlich aber profanere Ziele zu verfolgen. Der Lohn, den er für die Zustimmung zu NMD fordern wird, liegt dem Interesse Russlands viel näher: Der Verzicht der Nato auf den Beitritt ex-sowjetischer Republiken - also der Balten, von denen die USA ein Land schon 2002 ins Boot holen wollen. Zweites Ziel ist die drastische Reduzierung der Atomsprengköpfe beider Seiten - wozu die Finanznot Moskau zwingt, während die US-Militärs eher zögern.

Wäre dieser Preis für den Westen zu hoch? Nicht, wenn dafür ein echtes Vertrauen zwischen Ost und West mit all seinen wirtschaftlichen Vorteilen zu erkaufen wäre. Denn die Balten sind nicht militärisch, sondern wirtschaftlich von der Übermacht Russlands bedroht. Dem kann man auch durch ein stärkeres EU-Engagement entgegenwirken.

So weit, so gut. Kommt es tatsächlich zu dieser Annäherung der Großmächte, wäre Bush am Zug: Die Erklärung, wofür die Welt eigentlich das Abenteuer NMD braucht, ist er noch schuldig.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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