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Kommentar: Putin scheut den letzten Schritt

Kosten-Nutzen-Analyse spricht für eine grundlegende Wende der russischen Außenpolitik.

Verbal lässt Wladimir Putin seit dem Tag der Anschläge in New York und Washington keinen Zweifel daran, dass Russland im Kampf gegen den Terrorismus auf Seiten der USA steht. Dafür wird Russlands Präsident in Deutschland in einem Maß hofiert, das bereits an die unkritische Gorbatschow-Manie der 80er-Jahre erinnert. Doch auch in seiner staatsmännisch-vagen Rede vor dem Bundestag ließ Putin offen, wie er sich in der folgenschwersten Frage seiner Amtszeit letztlich entscheiden wird: Beendet Moskau endgültig das Taktieren mit den Schurkenstaaten dieser Welt gegen die Dominanz der USA, und stellt es sich durch aktive Kooperation eindeutig ins Lager des Westens?

Bislang hat Putin zwar Geheimdienstinformationen geliefert und die wichtige Kooperation der GUS-Republiken organisiert. Die Öffnung des Luftraums über Mittelasien sowie Russland selbst beschränkt Putin aber ausdrücklich auf den Transport "humanitärer Hilfe". Und die Aufrüstung der Nordallianz gegen die Taliban in Afghanistan riecht nach dem Versuch, ein neues, Moskau-freundliches Regime in Kabul zu installieren und so seinen Einfluss in dem für den Öl- und Gastransit wichtigen Land zu stärken.

Gleichzeitig weist Putin auf die Chancen einer tiefer gehenden Partnerschaft mit der Anti-Terror-Koalition hin - macht sie aber vom Verhalten des Westens gegenüber Russland abhängig. All das deutet darauf hin, dass der nüchterne Pragmatiker seinen Arbeitsurlaub in Sotschi für eine gründliche Kosten-Nutzen-Analyse genutzt hat.

Denn auch der Kremlherr kann nicht so einfach über den Schatten der postsowjetischen Außenpolitik springen, sondern muss die Kosten einer radikalen Wende einkalkulieren. So gibt es unter russischen Militärs erhebliche Vorbehalte gegenüber einer engen Zusammenarbeit mit dem alten Rivalen USA. Noch schwerer wiegt der Widerstand der Rüstungslobby gegen den Abbruch der lukrativen Beziehungen zu anrüchigen Staaten wie Irak, Libyen, Syrien oder Nordkorea. Und schließlich könnte eine direkte Beteiligung an einem Krieg gegen Afghanistan Russland zum Magnet für Flüchtlinge aus der ganzen Region machen, aber auch zur Zielscheibe für Terrorangriffe islamistischer Gruppen.

Den Einsatz russischer Truppen gegen die Taliban verlangt aber auch niemand von Moskau. Doch würde die Bereitstellung von Fliegerhorsten und Luftkorridoren für Angriffe der Westallianz die Aussichten der Anti-Terror-Allianz deutlich verbessern. Noch scheut Putin vor diesem letzten Schritt.

Dabei wäre der Nutzen einer solchen Geste für Russland gewaltig. Zunächst liegt die Bekämpfung des Terrorismus und des damit verbundenen Drogenhandels im eigenen Hinterhof auch im Interesse Moskaus. Darüber hinaus könnte der Kreml weit gehende Zugeständnisse erwarten - von der raschen Aufnahme in die Welthandelsorganisation über eine vorteilhafte Umschuldung bis hin zum Mitspracherecht bei der Entscheidung über das geplante US-Raketenabwehrsystem oder die nächste Runde der Nato-Erweiterung.

Die Gefahr ist dabei allerdings, dass Russland den Bogen der Forderungen überspannt - mehr als die Rolle des Juniorpartners Washingtons auf der Weltbühne ist für den ökonomischen Zwerg nicht drin. Aussagen wie die von Kanzler Gerhard Schröder, der nun Putins Interpretation des Tschetschenienkrieges unterstützt, fördern den Realitätssinn Moskaus nicht gerade: Auch wenn in der abtrünnigen russischen Republik Gefolgsleute des Terrorchefs Osama bin Laden aktiv sind, rechtfertigt das nicht den Staatsterrorismus, mit dem Moskau Tschetschenien überzieht. Denn damit liefert der Kreml genau das falsche Beispiel für einen gezielten Kampf gegen islamistischen Fanatismus.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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