Archiv
Kommentar: Putins neue Welt

Der russische Präsident nutzte die Chancen des 11. Septembers und öffnete sein Land dem Westen. Jetzt liegt der Ball in Washington.

Wladimir Putin hat sich entschieden. Der russische Präsident will die Subkultur der GUS-Gipfel endgültig hinter sich lassen und von gleich zu gleich auf der weltpolitischen Bühne agieren. Wie kaum ein anderer erkannte er die Chancen des 11. Septembers und machte dem Westen gewaltige Angebote - doch noch ist unklar, ob die Europäer und vor allem US-Präsident George W. Bush wirklich sehen, welche Chance sich ihnen bietet: Ermöglicht durch die gemeinsame Bedrohung durch den Terror können die Grundlagen für eine neue Weltordnung geschaffen werden, in der Russland vom notorischen Störenfried zum integralen Teil der westlichen Welt wird.

Dreimal in diesem Jahr hat Putin bewiesen, wie weit er zu gehen bereit ist und wie wertvoll er für den Westen ist. Als erster Staatschef hatte er nach den Anschlägen in New York und Washington Bush angerufen und sich danach tatkräftig auf die Seite der Anti-Terror-Allianz gestellt.Dann diente er sich dem Westen an, bei der Stabilisierung der Erdölpreise auch gegen die Opec zu agieren und bei der Sicherung der Energieversorgung die Rolle Saudi-Arabiens zu übernehmen. Und drittens nahm Putin die überraschende einseitige Kündigung des ABM-Vertrages durch die Amerikaner ohne großes Geschrei hin.

Vor allem mit der moderaten Reaktion auf die ABM-Kündigung wagt sich Putin weit über den außenpolitischen Konsens im eigenen Land hinaus. Zwar gibt es Vermutungen, dass der russische Präsident im Gegenzug allerlei Vergünstigungen des Westens zu erwarten hat, von der Vorzugsbehandlung durch die WTO über die Streichung von Schulden bis hin zur freien Hand in Tschetschenien. Aber Putin hat eine viel größere Belohnung im Sinn: Die Aufwertung Russlands zu einem Land des Westens. Zwar erfuhr der Kremlchef in den vergangenen Wochen erhöhte Aufmerksamkeit von Tony Blair und Gerhard Schröder und wurde von George W. Bush zum Barbecue eingeladen. Doch noch scheinen sich gerade die Amerikaner nicht entschieden zu haben, ob sie die von Putin ausgestreckte Hand ergreifen wollen.

Offenbar ist die US-Administration in diesem Punkt geteilter Meinung. Die Falken opponieren gegen einen stärkere Einbindung Russlands und drängen darauf, auch gegen den Irak militärisch vorzugehen. Das aber würde Russland fast automatisch aus der Anti-Terror-Koalition wieder heraus katapultieren. Zwar hegt Putin wenig Sympathien für Saddam Hussein, doch sind die wirtschaftlichen Beziehungen zum Irak zu eng, als dass er Angriffe auf Bagdad gutheißen könnte.

Der Ball liegt jetzt in Washington. Die USA müssen entscheiden, ob sie Russland tatsächlich mit offenen Armen im Westen integrieren wollen, die Europäer sind ohnehin dafür. Selbst im besten Fall wäre diese Integration zwar kein kurzfristiges Projekt. Selbst die Aufnahme in die Welthandelsorganisation WTO wird Jahre dauern; die Annäherung an die Nato kann nur in Schritten erfolgen und für einen Beitritt zur Europäischen Union sind Jahrzehnte zu veranschlagen. Aber die Mitgliedschaft Russlands in diesen Kernorganisationen des Westens steht nun endgültig auf der Agenda.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%