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Kommentar: Ricardo hat Recht

Die Globalisierung hat den US-Wahlkampf erreicht - und ist dabei gleich unter die Räder gekommen. Nichts erhitzt derzeit die Gemüter jenseits des Atlantiks mehr als die Verlagerung von Jobs in Billiglohnländer wie China oder Indien.

Politiker der beiden großen Parteien überbieten sich mit protektionistischen Aktionen, um das Outsourcing zu stoppen. Ein Bundesgesetz droht, nach dem Staatsaufträge nur noch im Inland ausgeführt werden dürfen.

Der Grund für die kopflose Hysterie sind nicht nur die knapp drei Millionen Arbeitsplätze, die in den vergangenen drei Jahren in der amerikanischen Industrie verloren gingen. Schwerer wiegt, dass die US-Wirtschaft bislang trotz kräftigen Wachstums nicht genügend neue Jobs schafft.

Das Phänomen der Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohnländer ist so alt wie der Freihandel. Richtig ist, dass Tempo, Breite und Tiefe dieses Trends im Zuge der Globalisierung deutlich zugenommen haben. Kapital, Technologien, Ideen - und damit auch Arbeitsplätze - lassen sich oft mit einem Mausklick verschieben. Betroffen sind nicht mehr nur Industriearbeiter, sondern auch Softwareentwickler, Radiologen und Finanzanalysten. Mit anderen Worten: Nicht nur die Blaumänner, sondern auch die Dienstleister im weißen Kragen müssen sich der Billigkonkurrenz stellen. Das gilt übrigens für alle Industrieländer. Auch deutsche Firmen wie Siemens nutzen zunehmend die Kostenvorteile.

Der englische Ökonom David Ricardo hatte vor mehr als 200 Jahren nachgewiesen, dass alle Länder davon profitieren, wenn jede Nation sich auf ihre wirtschaftlichen Stärken konzentriert und den Rest im Ausland einkauft. Diese Erkenntnis wird nun vehement angezweifelt.

Doch wissenschaftliche Untersuchungen zeigen übereinstimmend, dass Ricardo auch heute noch Recht hat. Was den Industrieländern an (Billig-)Arbeitsplätzen verloren geht, bekommen sie mehr als zurück: Importierte billigere Computer etwa führen zu vermehrtem IT-Einsatz, die resultierenden Produktivitätsgewinne zu neuen Jobs. Daran sollten nicht nur die Wahlkämpfer in den USA, sondern auch die deutschen Politiker denken, wenn das Thema demnächst hier zu Lande hochkocht.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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