Kommentar
Spielerparadies in Zeiten des Terrors

Las Vegas im November 2001. Das Piepen der Metalldetektoren ist in der neonglitzernden Wüstenstadt längst zum gleichberechtigten Geräusch neben dem unablässigen Klingeln und Bimmeln der einarmigen Banditen geworden. Die Sicherheitsvorkehrungen haben allgemein zugenommen, aber man gewöhnt sich an alles und das Leben geht weiter.

Donnerstag Nacht hat das Spielerparadies in Nevada trotzig das erste (und einzige) neue Kasino-Hotel dieses Jahres mit gewohnt großem Prunk eröffnet. Amerika will sich das Spiel nicht verderben lassen. Doch der Schein trügt. Der Weg zur Normalität ist noch weit. Und die Normalität wird auch nicht mehr so aussehen wie früher. Die enorme Abhängigkeit vom Flugverkehr macht Las Vegas jetzt so verwundbar wie nie.

Über 15 000 Angestellte in Kasinos, Hotels und Restaurants haben seit dem 11. September ihren Job verloren. Der bereits angeschlagene Kasinobetreiber Aladdin Gaming Holdings LLC musste sich endgültig geschlagen geben und den Gang zum Konkursrichter antreten. Gewinnwarnungen waren an der Tagesordnung. Die Spielerträge aus den Kasinos in ganz Nevada sanken im September zwar nur um 3,1 % auf 763,6 Mill.$. Das beleuchtet aber nur einen Teil der Situation. Viel schlimmer waren leere Hotelzimmer durch den Rückgang der Besucherzahlen aufgrund der Flugunterbrechungen und der anhaltenden Flugangst vieler Amerikaner und Ausländer. Beispiel Comdex: Die Las Vegas Convention and Visitors Authority schätzt, dass eine Woche der gerade zuende gegangenen Computershow im Schnitt 254 Mill.$ in die Kassen der Stadt und der Unternehmen spült, Spiel-Ausgaben nicht einmal mitgerechnet. Dieses Jahr dürften es kaum mehr als die Hälfte gewesen sein. Weniger Besucher und fast 40 % niedrigere Zimmerpreise als im Vorjahr wirken sich aus. Nur noch an Wochenenden sind die rund 125 000 Hotelbetten mit gut 75% halbwegs gut ausgebucht, berichten die Kasinobetreiber, unter der Woche hingegen herrscht in den Hotels und vielen Shows dramatische Leere.

War das Fliegen in den USA lange so selbstverständlich und billig wie bei uns das Busfahren, so sind diese Zeiten vorbei. Wenn die Airlines ihre Sicherheitsstandards auf Dauer ernst nehmen wollen, werden sie weder die sorglose Massenabfertigung an den Flughäfen wieder aufnehmen können, noch die Dumpingpreise der Vergangenheit. Im Gegenteil. Die überlebenden Airlines werden ihre Profitabilität schnell und nachhaltig erhöhen müssen. Und darum muss auch Las Vegas seine Strategie ändern.

Wurden bis zuletzt gigantische Bettenburgen wie das Bellagio (3000 Zimmer) oder das Venetian (1500) eröffnet, so ist das neue Palms mit 455 Zimmern ein wahrer Winzling für Las Vegas Verhältnisse. Das 270 Mill.$-Hotel-Kasino soll ein exklusiver Ort für betuchte Partygänger - vorzugsweise aus der Glamourstadt Los Angeles - sein, statt weitere Bingo- und Büffet-Massen anzuziehen. Ein riesiges Kinocenter soll das Abseits des berühmten und von Touristen überschwemmten "Strips" liegende Palms zudem zum beliebten Treffpunkt der Einheimischen machen. Weniger, dafür spendierfreudige Touristen, mehr Einheimische.

Qualität statt Quantität. Das wird nicht ohne Folgen bleiben. Der 37-jährige Palms-Eigentümer und Multimillionär George Maloof schätzt selber, dass in seinem alten Kasino "Fiesta" nur drei bis vier Prozent der Spieler gut 80 Prozent der Umsätze eingebracht haben. Diese Oberschicht spricht er an. Doch die sorgt auch in den Großkasinos heute für das Sahnehäubchen auf der Basis der Auslastung durch das Massengeschäft.

Der Verdrängungswettbewerb um die immer teurer eingeflogenen Kunden wird sich in Las Vegas nachhaltig verschärfen. Vor allem, wenn sich die Situation der gigantischen Tagungshotels nicht schnell verbessert. Doch danach sieht es angesichts der Wirtschaftslage nicht aus. Kasinobetreiber Aladdin sieht die Zimmerpreise auf dem "Strip" nur noch bei 100 $ im Schnitt. Restaurants und Einkaufsmalls verkürzen die Öffnungszeiten, um Personal einsparen zu können. Die neuen 2500 Arbeitsplätze im Palms werden die verlorenen Arbeitsplätze in anderen Kasinos nicht erstezen können.

Der 11. September alleine hat Las Vegas nicht verändert. Aber er hat mit einem Schlag eine Konsolidierung eingeleitet, die lange überfällig war. Las Vegas muss sich weiter vom Spielerparadies zur Show- und Einkaufsstadt entwickeln, damit die Kunden noch mehr Geld in der Stadt lassen. Doch das wird in wirtschaftlichen Abschwungzeiten nicht ohne Reibungsverluste abgehen. Die Zeiten, in denen Las Vegas die am schnellsten wachsende Stadt der USA waren sind vorbei. Las Vegas wird im wahrsten Sinne des Wortes zur Normalität zurückkehren. Zu einer neuen Normalität.

Handelsblatt-Korrespondent Axel Postinett
Axel Postinett
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