Kommentar
Strategische Defizite im Kampf gegen den Terror

Die internationalen Agenturen liefern täglich Berichte über massive Bombenangriffe der US-Streitkräfte auf die Taliban. Und ergänzt wurden sie einmal mehr durch Meldungen über angebliche Erfolge der Nordallianz. Einen Monat nach Beginn der von den USA angeführten Anti-Terror-Offensive in Afghanistan drohen solche Nachrichten allmählich Routine zu werden.

Denn inzwischen ist vor Ort der erste Schnee gefallen, was eine Entscheidung, die nach dem Willen Washingtons unter allen Umständen positiv ausfallen muss, um Monate verzögern kann.

Als die ersten amerikanischen und britischen Raketen auf afghanischem Territorium einschlugen, hegte man noch die Hoffnung, dass die politische und militärische Führung diesen Waffengang als Antwort auf die Terroraktionen in New York und Washington gründlich vorbereitet hätten. Immerhin hatte man sich seit dem 11. September für das Skizzieren einer auch diplomatisch abgesicherten Strategie fast vier Wochen Zeit gelassen, widerstand also trotz aller aufgewühlter Emotionen der Versuchung eines raschen Racheaktes. Gleichwohl können bis heute kaum nennenswerte Erfolge aufgelistet werden.

Es gibt zwar eine klare militärische Vorgabe: die Eliminierung Osama bin Ladens und seines Terrornetzes El Kaida sowie des Regimes deren Gastgeber. Doch zur Erreichung dieses Zieles verfolgt man zumindest bis jetzt eine Taktik, die die Regeln eines Krieges gegen eine Guerilla in deren eigenem Land weitgehend ignoriert. Hier rächt sich ganz offensichtlich auch die Inkompetenz der US-Geheimdienste.

Strategisch wurde vor allem versäumt, ein schlüssiges Konzept für eine politische Neugestaltung eines Post-Taliban-Afghanistans zu formulieren. Was bislang auf dem Tisch liegt, bietet jedenfalls keine Perspektive für ein politisch stabiles Land mit der Chance auf ökonomische Prosperität. Es ist also nicht zu erkennen, dass u.a. aus dem Golfkrieg gegen den Irak oder aus den verschiedenen Operationen auf dem Balkan die richtigen Lehren gezogen wurden.

Wohlgemerkt, der Krieg gegen die Taliban und bin Ladens Terroristen ist, so wurde von Anfang an propagiert, kein Krieg gegen Afghanistan, es soll ein Kampf gegen den Terrorismus sein. Und dieser verteilt seine Nester bekanntlich rund um den Globus. Ins Visier nimmt man in Washington insbesondere Somalia. Dabei ist sicher zu berücksichtigen, dass US-Blauhelmsoldaten dort 1993 im Rahmen einer Uno-Friedensmission ein Desaster erlebten. Aber auch Indonesien und die Philippinen sind auf der Karte markiert.

Doch auf noch nicht absehbare Zeit steht zwangsläufig Afghanistan im Fokus. Sicher, im Pentagon heißt es stets, die US-Streitkräfte seien gut genug gerüstet, um an zwei Fronten gleichzeitig operieren zu können. Ein dauerhafter politischer Rückhalt durch eine internationale und damit sehr heterogene Allianz, wie sie jetzt für die USA von Nutzen ist, ist dafür allerdings nicht garantiert. Solidarität darf nicht überstrapaziert werden. Dies zu vermeiden, muss ebenfalls ein strategischer Faktor sein. Und ein militärischer Alleingang könnte leicht die zumindest vorübergehend leiser gewordenen anti-amerikanischen Ressentiments neu anheizen. Dann hätte US-Präsident George W. Bush auf makabere Weise Recht, wenn er meint, dass der Kampf gegen den weltweiten Terror viel länger als zweieinhalb Jahre dauern wird.

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