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Kommentar: T-Online findet seine Grenzen

Sie trägt stolz die Bezeichnung "International" im Firmennamen und sieht sich als zweitgrößter Internetanbieter auf dem Globus. Tatsächlich aber ist es mit der Weltläufigkeit der T-Online nicht allzuweit her: Nummer zwei ist die Telekom-Tochter nur wegen der zum allergrößten Teil in Deutschland ansässigen Kunden, die Präsenz im Ausland erstreckt sich gerade mal auf vier europäische Staaten.

Und doch ist es eben dieses Geschäft jenseits der Grenzen, das dem Neue-Markt-Schwergewicht besonders zu schaffen macht: Zwei Drittel der auch operativ hohen Verluste kommen von dort.

Daher ist es ebenso erfreulich wie höchste Zeit, dass sich Vorstandschef Thomas Holtrop dem Problembereich jetzt offenbar verstärkt annimmt. Am liebsten, so scheint es, will er mit dem Thema gar nicht in die Öffentlichkeit: Im Zwischenbericht zum ersten Halbjahr finden sich keine Aussagen zur Ertragslage der Aktivitäten in Frankreich, Spanien, Österreich und der Schweiz, auf Nachfragen ist das Management zugeknöpft. Dabei ist es gar nicht lange her, dass die "Internationalisierung" mit großem Aplomb gestartet wurde: Kurz vor dem Börsengang von T-Online im Frühjahr 2000 mit dem Kauf der französischen Club Internet, bezahlt mit Aktien, die es noch gar nicht gab.

Was T-Online und die Deutsche Telekom damals nicht sagten: Die Tochter ist hoch defizitär, außerdem gilt sie nicht gerade als erste Wahl. Auch mit der spanischen Ya.com hat der Konzern später keinen Coup gelandet. Doch die Hände in den Schoß legen, während aggressive Wettbewerber wie die italienische Tiscali eine Übernahme nach der anderen tätigen und auch der hiesige Markt zum Tummelplatz der ausländischen Konkurrenz wird? Das konnte und kann die Lösung nicht sein. Holtrop bleibt nur, die Beteiligungen jenseits der Grenzen auf Vordermann zu bringen, will er nicht das Nachsehen haben in dem Konzentrationsprozess auf drei bis vier "Key Player", die er in Europa erwartet.

Die Ankündigung, bei Club Internet die erfolgreichen Breitband-Aktivitäten auszubauen und die Tochter um attraktive Inhalte zu bereichern, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Dass Holtrop Probleme nicht nur erkennt, sondern auch angeht, zeigen seine Bemühungen, im deutschen Stammhaus für mehr margenträchtigen Content zu sorgen.

Entsprechend hat T-Online bereits eine Partnerschaft an die andere gereiht und bietet nun (fast) schon für jede Zielgruppe etwas - Portale für News, Gesundheit, Reise, neuerdings Auto, bald Kinder, vielleicht später auch Sex.

Die Kunden für einen Teil der Angebote zahlen zu lassen, ist ein gewagtes Pilotprojekt. Es kann nur funktionieren, falls der Inhalt wirklich exklusiv und von hoher Güte ist. Doch muss Holtrop auch sein Auslandsproblem mit der gleichen Energie angehen wie die Content-Offensive, will er denn wirklich erreichen, dass T-Online zu Europas führendem "Internet Media Network" wird. Und dass sich der Anleger nicht nur über die massiven Kursverluste der einst gefeierten Aktie ärgert - sondern die Perspektive hat, dass die Telekom-Tochter dereinst auch unter dem Strich Geld verdient.

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