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Kommentar: Telekom verprellt die Kleinaktionäre

Die T-Aktionäre brauchen dieser Tage wahrhaftig eiserne Nerven. Seit Wochen gibt sich die Deutsche Telekom alle Mühe, den letzten Kredit zu verspielen, den die heftig beworbene T-Aktie als Volksaktie noch hatte. Im Zusammenwirken mit der Deutschen Bank demonstriert sie eindrucksvoll, dass ihr der Kleinaktionär und damit auch die Aktienkultur ziemlich egal sind. Das Possenspiel um die T-Aktie offenbart eine haarsträubende Mischung aus Dilettantismus und Ignoranz bei zentralen Akteuren des Kapitalmarkts.

Zunächst der Dilettantismus: Die Deutsche Bank gibt an einem Tag eine Kaufempfehlung für die T-Aktie heraus und kippt am folgenden Tag auf einen Schlag 44 Millionen ebendieser Papiere auf den Markt. Anschließend verweigert sie den aufgeschreckten Anlegern jegliche Auskunft darüber, woher das Paket stammt. Die logische Folge: Massive Verunsicherung und ein Kurssturz um neun Prozent, der sich in den folgenden Tagen noch fortsetzt und in den Depots der T-Aktionäre viele Milliarden Mark Börsenwert vernichtet.

Diese stümperhafte Platzierung ist an sich schon ein Armutszeugnis für das größte deutsche Finanzinstitut, das sich gerne in der Spitzenliga der internationalen Investment- Banken sähe. Erschwerend kommt noch hinzu, dass die Deutsche Bank von der Telekom einen besonderen Auftrag hatte: Sie sollte dafür sorgen, dass die T-Aktien, die Großinvestoren im Tausch für Aktien des US-Mobilfunkers Voicestream erhielten, nach Ablauf der vereinbarten Haltefrist schonend auf den Markt kommen. Stattdessen half die Bank dem Investor Hutchison, diese Haltefrist zu umschiffen.

Kein Wunder also, dass sich die Telekom einmal mehr als Opfer übler Machenschaften präsentierte. Vorstandschef Ron Sommer drohte sogleich mit juristischen Schritten - ein Ablenkungsmanöver. Denn gleichzeitig hielt er vor seinen Aktionären geheim, dass er bereits mit dem Großinvestor Sonera eine Ausnahme von den Haltefristen vereinbart hatte. Der finnische Telekommunikationskonzern brauchte dringend Geld und durfte deshalb schon im Juli und August knapp 22 Millionen T-Aktien verkaufen. Gemerkt hat das keiner, denn die Dresdner Kleinwort Wasserstein, die die Platzierung organisierte, ging dabei geschickter vor als die Deutsche Bank.

Nach Lesart der Telekom wäre damit bereits der allergrößte Teil der zu erwartenden Aktienverkäufe ehemaliger Voicestream-Eigner gelaufen - die Kleinaktionäre könnten dem Ablauf der Haltefristen am 1. September und 1. Dezember beruhigt entgegensehen. Doch wer mag schon noch einem Unternehmen glauben, das seinen Anteilseignern entscheidende Informationen vorenthält? Am 9. August noch sagte Telekom-Finanzvorstand Karl-Gerhard Eick dem Handelsblatt: "Wir dürfen ja nicht einzelne Aktionärsgruppen, etwa die früheren Voicestream-Aktionäre, bevorzugen." Da sickerten schon seit mehr als einem Monat die T-Aktien des früheren Voicestream-Aktionärs Sonera auf den Markt. So beweist man Arroganz gegenüber den Kleinaktionären.

Der Skandal um die T-Aktie zeigt, dass die viel beschworene Aktienkultur in Deutschland nicht innerhalb weniger Jahre zu etablieren ist. Es reicht nicht, mit massiven Werbefeldzügen das Geld der Bürger von den Sparbüchern in die Aktiendepots umzuleiten. Das Vertrauen in Manfred Krug oder die Gottschalk-Brüder mag den Impuls zum Aktienkauf auslösen - das langfristige Vertrauen in diese Anlageform müssen sich die Finanzmarkt-Akteure durch Professionalität und die Firmenchefs durch Fairness gegenüber großen und kleinen Anlegern verdienen. Wenn Banker und Manager das nicht kapieren, muss der Staat mit strengeren Regeln Fairness erzwingen.

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