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Kommentar: Teures Foul und billiger Populismus

Beim Fußball hört in Deutschland der Spaß auf. Denn Fußball gilt hier zu Lande als höheres Kulturgut. Die Darstellung von Männern in kurzen Hosen, die eine Lederkugel möglichst oft zwischen zwei Pfosten bugsieren, soll möglichst viele Menschen erreichen. Deshalb dürfen besonders prominente Begegnungen auch nicht in Nischenprogramme verbannt werden, meint die Politik.
Eine ähnlich krude Logik bescherte den öffentlich-rechtlichen Sendern einst das attraktive Spielfilmpaket nur im Huckepack mit Bibelfilmen. Nur sehr, sehr ungern können sich die Volksvertreter offenbar mit dem Gedanken anfreunden, die Sendungen ins private Fernsehen abgleiten zu sehen.

Ins Pay-TV aber, da sind sich alle einig, darf unser Spitzenfußball nicht. Denn die Spiele sind mehr wert als unkundige Fans nach eigenem Ermessen meinen könnten. Bei der WM 2002 weit weg in Asien ist das Übertragungsrecht für 24 Spiele am Vormittag nach sorgfältiger, monatelanger öffentlicher Unterredung auf 225 Mill. DM veranschlagt worden, Mehrwertsteuer nicht eingerechnet. Wer weiß, ob so viel zusammen käme, lieferte man die Spiele der kommerziellen Verwertung oder eben gar dem Ermessen der Zuschauer aus?

Immer dann, wenn etwas kostet, aber niemand dafür zahlen will, wird nach dem Staat gerufen. Lässt sich die Sache mit einer Kamera aufzeichnen, erreicht der Ruf ARD und ZDF.
"Wenn einer das Millionenspiel WM bezahlen kann, dann wohl unsere öffentlich-rechtlichen Anstalten", tönt Berlins Bürgermeister Eberhard Diepgen.

Wofür, bitte, zahlen wir denn eigentlich?, fragt die Politik und deutet schelmisch an, was dann bei der nächsten Gebührendiskussion passieren könnte. Wenn ARD und ZDF schon mit "Kulturreport", "Frontal" und zeitgeschichtlichen Dokumentationen und Fernsehfilmen einen obsoletem Programmauftrag hinterjagen, sollen sie auch das Programm zum Bier liefern, aber dalli.

Die putzige Fürsorge der Politik gilt einem Wirtschaftszweig, der auch ohne Protektionismus den einen oder anderen Fan erreicht. Die Vereine sind längst auf dem Börsentrip, erzielen mit Merchandising Millionenumsätze.
Wenn sich im Fußball einer der Akteure unvorsichtig weit vorgewagt hat, pfeift der Schiedsrichter Abseits und trägt den Spieler nicht wieder zurück auf eine sichere Position. Und wenn Verbände und Vereinsfunktionäre mit überzogenen Forderungen eine Refinanzierbarkeit der Spiele über das Free-TV verhindern? Dann müssen sie ihren Fans eben erklären, dass ein höheres Kulturgut in Zukunft auch einen höheren Preis hat.

Schreiben Sie dem Autor: j.ohlendorf@vhb.de

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