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Kommentar: US-Verbrauchervertrauen bricht ein

Es ist schlimmer gekommen, als die Analysten erwartet hatten. Die Stimmung der US-Verbraucher ist im September eingebrochen. Der vom US-Institut Conference Board ermittelte Index des Verbrauchervertrauens ist so stark zurückgegangen wie seit 1990 nicht mehr, und an der Ursache kann kein Zweifel bestehen: Die schrecklichen Terroranschläge in New York und Washington haben die US-Konsumenten zutiefst verunsichert.

Die Verbraucher waren in den vergangenen Jahren die Stütze eines lang andauernden Aufschwungs in den Vereinigten Staaten, und auf ihnen ruhte bislang die Hoffnung, dass sich ein allzu harter Absturz der US-Wirtschaft vermeiden lasse. Haben die Terroristen nun ihr erklärtes Ziel erreicht, die führende Wirtschaftsmacht der Welt auch ökonomisch ins Mark zu treffen? Werden die USA so tief in die Rezession schlittern, wie es viele Bankvolkswirte schon in den vergangenen Tagen voraussagten? Wird die US-Wirtschaft bis weit ins kommende Jahr hinein schrumpfen? Und wird sie die Weltkonjunktur mit in den Abgrund reißen? Die einzig seriöse - und zugleich unbefriedigende - Antwort auf diese Fragen kann auch nach den gestrigen Daten nur sein: Wir wissen es nicht.

Zweifellos liefern die September-Zahlen zum Verbrauchervertrauen erstmals wieder halbwegs aussagekräftige Hinweise zur aktuellen Lage der US-Wirtschaft. Dennoch können sie die konjunkturelle Situation nur unvollkommen abbilden. Das liegt nicht nur daran, dass die befragten Konsumenten ihre Antworten zum Teil vor, zum Teil nach dem 11. September abgegeben haben. Die sonstigen bisher verfügbaren Informationen über das Verbraucherverhalten sind reichlich widersprüchlich. Eine in der vergangenen Woche durchgeführte Bloomberg-Umfrage hat ein ganz anderes Resultat ergeben als die Zahlen des Conference Boards: Demnach ist das Verbrauchervertrauen auf den günstigsten Wert seit Januar geklettert. Auch scheinen erste Rückmeldungen aus dem Einzelhandel keinen dramatischen Einbruch des Konsums zu signalisieren. Andererseits haben sich die US-Verbraucher beim Kauf langlebiger Wirtschaftsgüter, etwa Autos, offenbar zunächst Zurückhaltung auferlegt.

Allzu weit reichende Schlussfolgerungen sollten aus den gestrigen Zahlen auch aus einem weiteren Grund nicht gezogen werden. Die Daten sind eine Momentaufnahme mit begrenzter Aussagefähigkeit. Der Verlauf des Verbrauchervertrauens-Indexes in der Vergangenheit hat gezeigt, dass dieser Stimmungsindikator deutlich stärker auf politische Schocks reagiert als der Konsum selbst. So sackte das Vertrauen etwa 1990 nach dem Einmarsch des Iraks in Kuweit in den Keller. Der Konsum folgte diesem Trend jedoch nicht - und das Verbrauchervertrauen hatte sich ein halbes Jahr später, zu Zeiten des Golfkrieges, längst wieder gefangen. Dass sich dieses Muster wiederholen könnte ist nicht auszuschließen.

Fest dürfte freilich stehen: Die US-Wirtschaft kann sich im laufenden Jahr nicht mehr berappeln - und im kommenden Jahr wird sie nicht allzu stark wachsen. Die Auswirkungen auf die Konjunktur in der Euro-Zone und in Deutschland sind noch nicht abzusehen. Noch gibt es wenig Anzeichen für eine länger anhaltende Rezession hier zu Lande. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) hat aber Recht: Die Bundesregierung kann nicht länger darauf vertrauen, dass die deutsche Konjunktur im Zuge einer Belebung der Weltwirtschaft wieder von selbst anspringt. Reformen von Arbeitsmarkt und Sozialsystem stehen dringlicher denn je auf der Tagesordnung.

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