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Kommentar: Verluste verbieten!

Endlich, so mag man meinen, wird hierzulande ernst gemacht mit der Modernisierung von Wirtschaft und Börse. Denn das angestrengte Nachdenken über die Verschärfung von Gesetzen und das Aufstellen neuer Regeln ist doch ein klarer Beleg für den fortschrittlichen, marktwirtschaftlichen Geist: Wir brauchen wieder Recht und Ordnung - ob auf dem Parkett, in den Vorstandsetagen oder im Computer. Deshalb ist es grundsätzlich zu begrüßen, wenn Politiker, Aktionärsschützer, Banker und Medienvertreter einen Verbesserungsvorschlagswettbewerb ins Leben gerufen haben. Leider sind die Initiatoren über gute Ansätze noch nicht hinaus gekommen, ja mitunter agieren sie konsequent inkonsequent.

Das gilt insbesondere für die nationale Diskussionsebene. Während sich auch unsere Entscheider grenzüberschreitend für eine Reform des globalen Finanzsystems mit anschließender Vollkontrolle durch die Politik aussprechen, gehen sie im eigenen Land eher zögerlich vor. Statt auch hier den Kern des Übels zu suchen und mit einem massiven Eingriff auszumerzen, wird an aktuellen Symptomen herum gedoktert, bleiben Verbesserungsvorschläge peripher.

Sinnlos mutet etwa die konzertierte Renovierungsaktion für den Neuen Markt an. Warum stellen Aktionärsschützer nicht gleich die Existenzfrage? Schließlich hatten zahlreiche Experten schon vor seinem Start im März 1997 vorhergesagt, dieses Marktsegment sei ein "totgeborenes Kind". Wer ständig nur an die Deutsche Börse appelliert, sie möge gefälligst das Regelwerk für den Neuen Markt verschärfen, verkennt die wahre Problematik. Selbst eine Sammelverwahrung für Vorstände und Aufsichtsräte von gescheiterten Unternehmen ginge nicht an die Wurzel. Geradezu unfassbar ist für den langjährigen Börsenbeobachter der jüngste Vorstoß, um den vorbörslichen Telefonhandel in den Griff zu bekommen. Warum, so fragt man sich nämlich, hat die renommierte Investmentbank Goldman Sachs ihre Verbotsforderung auf den Handel am grauen Markt beschränkt?

Nein, nur über wirklich tiefe Einschnitte kann der deutsche Kapitalmarkt wieder gesunden. Und dazu bedarf es neuer Denkkonzepte. So muss etwa die Frage erlaubt sein, ob wir überhaupt Analysten brauchen. Zugleich sollte eine Verkürzung der Handelszeit diskutiert werden. Leider wurden entsprechende Vorschläge von der Deutschen Börse in der Vergangenheit nicht aufgegriffen, im Gegenteil, der Handel ist zeitlich immer weiter ausgedehnt worden. Den entscheidenden Schritt muss unsere Regierung unternehmen: Wir brauchen einen Kurs-Konsens. Denn Anlegerschutz kann nur dann erfolgreich praktiziert werden, wenn Kursverluste durch den Gesetzgeber einfach verboten werden.

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